Luthers letzte Nacht vor Worms

Das Oppenheimer Gasthaus „Zur Kanne” gibt es längst nicht mehr. Doch es lohnt sich, an diesen Ort zu erinnern. Immerhin – so erzählt man sich – habe hier eine der bedeutendsten Inspirationen Martin Luthers stattgefunden: Die Erfindung der Hymne der protestantischen Christenheit „Ein feste Burg ist unser Gott”. Luther, so sagt die Legende, sei vor seinem Auftritt auf dem Reichstag im eine halbe Tagesreise entfernten Worms derart bange gewesen, dass er sich die Angst von der Seele schrieb. Diese Selbstermutigung mag dazu beigetragen haben, dass Luther drei Tage später aus Worms nach Oppenheim zurückkehrte: er hatte seine Lehren nicht widerrufen und so klar gemacht, dass er sich keiner Macht außer seinem unerschütterlichen Glauben an Gott unterwerfen würde.

Es ist 500 Jahre her, dass Oppenheim einmal mehr zum Ort großer Geschichte wurde. Am 15. April traf der Wittenberger Augustinermönch und Theologieprofessor Doktor Martin Luther in der alten Reichsstadt am Rhein ein. Er hatte zwar einen mächtigen Beschützer an seiner Seite. Keinen geringeren als Kaspar Sturm, seines Zeichens vom Kaiser bestellter Reichsherold. Also gewissermaßen der Sicherheitschef des Reichstags im nahen Worms. Doch trotz des prominenten Schutzes war es Martin Luther nicht geheuer. Es war keine Einladung, die ihn nach Worms führen sollte. Es war eine Vorladung! Der Kaiser hatte nach ihm gerufen. Da gab es keine Widerrede! Er, Martin Luther, sollte vor der mächtigen Runde um den Kaiser, die anwesenden Fürsten, Bischöfe, Juristen auftreten. Und jedem war klar, was vom Luther erwartet wurde: er sollte seine reformatorischen Thesen widerrufen. Das war der einzige Weg für ihn, um sich keinen weiteren Gefahren auszusetzen. Nur zu sehr war ihm die Geschichte des böhmischen Reformators Jan Hus vor Augen, der etwa 100 Jahre zuvor in Konstanz vor eine ähnlich wichtige Versammlung getreten war. Auch dem wurde sicheres Geleit versprochen. Doch dessen Ende war der unmittelbare Tod auf dem Scheiterhaufen.

Luther hatte gute Gründe, anzunehmen, dass ihn in Worms ein ähnliches Schicksal erwartete. Der 15. April 1521 war für ihn eine schicksalhafte letzte Nacht vor Worms. Natürlich ist es historische Spekulation zu vermuten, was Martin Luther an diesem Abend im Oppenheimer Gasthaus „Zur Kanne”, nur eine halbe Tagesreise vom Reichstag in Worms entfernt, beschäftigt haben mag. Die Vermutung liegt sehr nahe, dass der Reformator sich seinen Ängsten stellen musste, um nicht schon wie ein Verlierer anzureisen. Die letzte Nacht vor Worms könnte ein Wechselbad von Ängsten und Selbstermutigungen gewesen sein. Schon Generationen vor uns beschäftigten solche Gedanken. Das führte bis hin zu gelehrten Spekulationen darüber, dass Martin Luther – möglicherweise inspiriert vom lokalen (Niersteiner ) Wein in einem Gasthaus am Fuße der mächtigen Oppenheimer Burg Landskron‘ – in jener Nacht die Hymne der protestantischen Christenheit erfunden habe: „Ein‘ feste Burg ist unser Gott …”

Schon Generationen vor uns beschäftigten solche Gedanken. Das führte bis hin zu gelehrten Spekulationen darüber, dass Martin Luther – möglicherweise inspiriert vom lokalen (Niersteiner ) Wein in einem Gasthaus am Fuße der mächtigen Oppenheimer Burg Landskron‘ – in jener Nacht die Hymne der protestantischen Christenheit erfunden habe: „Ein‘ feste Burg ist unser Gott …”

„Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.”

Der Papst hatte längst schon den Bann über Luther verhängt. Aus Sicht der Kirche war die weltliche Verbannung durch den Kaiser, die sogenannte „Reichsacht”, nur eine lästige Formsache. Seit Monaten bearbeitete der oberste Lobbyist des Papstes, Hieronymus Aleander, den noch jungen Kaiser Karl im Sinne der kirchlichen Absichten. Doch so einfach war die Sache nicht! Die herrschende Rechtslage hegte die kaiserliche Macht ein. Alleinherrschaft? Undenkbar! Der Kaiser unterlag einer ganzen Anzahl von mächtigen Kontrollgruppen, die jede seiner Entscheidungen überwachte und gewissermaßen lizenzierte. Das höchste Gremium, die Reichsstände, bildete die einflussreichste Gruppe nach den Anhängern des Papstes. Diese Fürsten hatten den gerade zwanzigjährigen zum Herrscher über ein Reich gemacht, in dem die Sonne nicht unterging. Jetzt forderten die einzelnen Interessengruppen ihre Zugeständnisse vom Kaiser ein. Besonders viel Einfluss wird dem sächsischen Kurfürsten, Friedrich, genannt der Weise, zugesprochen. Dieser einflussreiche Fürst beschützte Luther, obwohl er sich die reformatorischen Ideen und Forderungen des Professors an seiner Universität in Wittenberg nie zueigen gemacht hatte.

Letzte Nacht vor Worms, erste Nacht nach Worms

Wir heute, 500 Jahre später, wissen, dass Martin Luther in Worms nicht widerrufen hatte. Ja, wir zitieren ihn mit einem berühmten Ausspruch (den er höchstwahrscheinlich nie getan hatte): „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.” Luther unterwarf sich keiner irdischen Macht. Er empfand sich ausschließlich seinem Bekenntnis zu Gott verpflichtet. Ein Widerruf wäre sicher bequemer für ihn gewesen. Doch nicht mit diesem Dickschädel aus dem Mansfelder Land. Luther reiste überstürzt aus Worms ab, verbrachte wieder eine Nacht in Oppenheim, überquerte am nächsten Morgen den Rhein und eilte anscheinend seinem Zuhause in Wittenberg entgegen.Im hessischen Friedberg schickte er seinen Beschützer Kaspar Sturm zurück nach Worms. Von hier aus wolle er sich selbst durchschlagen. Doch dort sollte er vorerst nicht ankommen. Inzwischen sind sich die Historiker wohl einig: Mittels einer List entzieht sich Luther möglichen Nachstellungen, Rangeleien oder gar Attentatsversuchen: inkognito als Junker Jörg taucht er bei Eisenach auf der Wartburg unter. Hier widmet er sich seiner Bibelübersetzung ins Deutsche und wartet ab, dass die Wogen sich glätten.

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