Ariodante
als
Film
Fallstudie

Es war ein Wiedersehen nach ziemlich genau sieben Jahren. 2014 hatte ich gemeinsam mit einem großartigen Team in Ludwigsburg die Aufzeichnung der Händel-Oper „Rinaldo” für das Label Arthaus Musik als DVD produziert. Diese Tage in dem Barocktheater waren eine wunderbare Erfahrung, die rasch zu neuen Projektideen führte, aber – wenn ich mir etwas wünschen dürfte – eben auch nach einer Wiederholung verlangte. Immerhin hatten wir aus dem Produktionsprozess gelernt, neue Ideen entwickelt, um eine solche Opernaufführung mit Marionetten der Compagnia Carlo Colla & figli noch interessanter, noch filmischer zu gestalten. Dass der Plan „Ariodante als Film” realisiert werden konnte, ergab sich aus einer Notsituation. Aber – wie so oft – fordern solche Notsituationen Kreativität und Improvisation heraus.

Der an sich unerfreuliche Anlass war, dass die Händelfestspiele 2021 wegen Coronas abgesagt werden mussten. Zumindest als Live-Ereignis vor Zuschauern. Zwar reagierten die Veranstalter zügig und richteten eine Microsite im Internet ein, auf der sämtliche Veranstaltungen des Händelfests während dessen tatsächlicher Dauer im Internet angeschaut werden konnten. So trat die Lautten Compagney Berlin unter anderem an mich heran und fragte, ob und wie in kürzester Zeit eine Version der Oper Ariodante als Film realisiert werden könne.

Arbeit am Theater ist immer besonders. Diese „Traumfabriken” verwandeln sich täglich in verschiedene phantastische Welten. Sich als Genre-Fremder einzuarbeiten hat immer auch etwas abenteuerliches, aufregendes an sich. © NXDRF.DE

Den distanzierten Blick der Kamera überwinden

Eines war für mich von Anfang an klar: eine bloße Aufzeichnung mit der klassischen 3-Kameras-Aufstellung (Links-Mitte-Rechts) würde dem Zauber einer Inszenierung von Lautten Compagney und der Compagnia Colla nicht gerecht. Mir kam es bei der Planung darauf an, den distanzierten Blick einer Kamera-Schere zu überwinden und filmisch zu denken. Da war es eine glückliche Fügung, dass die Berliner Musiker und die Mailänder Marionettenspieler ohnehin eine „Off-Broadway-Show” geplant hatten, also vor der Veranstaltung zum Händelfest in Halle/Saale ein Proben- und Aufführungstreffen vereinbart hatten, um die bis dahin getrennten Einstudierungen zusammenzuführen und premierentauglich zu machen. Der Ort: das Stadttheater Schaffhausen. Hier trafen wir auf perfekte Bedingungen: ein überschaubar großes Haus mit einem perfekt eingespielten, kooperativen und über alle Maßen freundlichen Team.

Vier Tage, eine Durchlaufprobe, Generalprobe, Premiere und drei weitere Aufführungen vor kleinem Publikum waren in meinen Augen Zeit genug, um Ariodante als Film zu realisieren. So ließ sich für die Betrachter der Produktion im Internet ein wesentlicher Mehrwert erzeugen: eintauchen in die Szene, nah an den Figuren sein können, die phantastischen Welten – erschaffen von der Compagnia Colla und der Lautten Compagney Berlin – aus nächster Nähe erleben.

Neben der Arbeit mit der Kamera war noch etwas anderes zu beobachten. Hier trafen die Orchestermusiker, Sänger und die Mailänder Puppenspieler zum ersten Mal für diese Produktion zusammen. Für viele war es ein Wiedersehen. Einige Sängerinnen und Sänger jedoch waren nicht schlecht überrascht, als sie ihr alter ego in Form einer hölzernen, prächtig gekleideten Puppe sahen.
Zum ersten Mal näherten sich Musik und Puppenspiel einander an. So wurde vor allem das Timing justiert. Hier eine Umbaupause, für die die Musik nicht Zeit genug ließ, dort ein Einsatz, der in der real aufgeführten Version noch herausgearbeitet werden musste. Theater als ein lebendiger Prozess von Phantasie und Realisierung, von Entstehen und steter Verbesserung.

Aus der filmischen Perspektive war der Durchlauf am ersten Tag ein großer Vorteil. Konnten wir doch als zwei Personen mit vier Kameras direkt in der Mitte der Bühne sitzen und filmen, weil wir niemandes Blick störten. Zudem lernten wir so aus nächster Nähe den Ablauf der Inszenierung kennen, merkten uns Art und Weise der Auftritte, identifizierten die wichtigen Positionen des Geschehens.

Die praktische Umsetzung von Ariodante als Film

Die Grundüberlegung für diese Produktion von „Ariodante” war, dass man eine Aufführung mit drei, vier oder mehr Kameras machen kann. Andererseits sollte es doch möglich sein, die Zahl der Aufführungen und Proben bei dieser Produktion sorgfältig überwiegend mit einer Kamera zu bewältigen, um dann im Filmschnitt eine viel lebendigere, nähere, intensivere Version zu erleben. Nachdem wir den Durchlauf aus der Bildmitte aufgezeichnet hatten, brauchte es noch die „sichere” Totale. Als auch die im Kasten war, konnte der zweite Kameramann abreisen.

Von nun an begann die filmische Arbeit. Mit wachsender Kenntnis über die Inszenierung besetzte ich nun die einzelnen Positionen, links, rechts sowie vom Rang mit langer Brennweite (was sehr eindrucksvolle Porträtstudien der singenden Solisten hervorbrachte), nutzte Proben des Orchesters für Großaufnahmen und poetische Bilder im Spiel von Licht und Schatten. Ein wichtiger Teil der filmischen Umsetzung war auch eine gut geplante Drehsituation mit den Marionetten und ihren Spielern. Hier konnte ich mit extremem Weitwinkel oder auch einer Actioncam die Bilder herauspicken, die man in einer bloßen Aufzeichnung sicher nicht zu sehen bekommt. Zwischendrin statt nur draufzusehen. So entsteht für den Zuschauer eine filmische Nähe.

Postproduktion, sportlich

Mit viel Erfahrung in Postproduktion und Filmschnitt wusste ich: eigentlich sind 100 Minuten Endprodukt in acht Tagen kaum zu leisten. Allein beim doppelt so langen „Rinaldo” erreichte ich einen effektiven Durchsatz von acht Minuten Rohschnitt pro Tag. Ariodante als Film hat etwa elf Kamerapositionen, die montiert werden wollen und neben einer vorläufigen und deshalb nur groben Farbkorrektur musste auch noch eine Untertitelversion nach Industriestandard eingesetzt werden.

Besonders ist die Schnittvorbereitung. So ist sicher gestellt, dass die Zuschauer in jedem Moment aus jedem Schnitt die dramaturgische Situation erkennen können. Welche Marionette interagiert mit welcher anderen Figur? Wie bildet sich die Situation dramatisch und emotional ab? Kameraarbeit und Schnitt können sogar helfen, für die Zuschauer das Verständnis von Handlung und Dramatik besser zu verstehen, als das vom besten Platz im Opernhaus möglich ist.

Von Ende Mai bis Mitte Juni konnte die erste Fassung von Ariodante als Film auf der Microsite der Händelfestspiele 2021 angesehen werden. Im Moment ist es ein wenig ruhig um diese Aufzeichnung. Aber nur deshalb, weil wir längst daran arbeiten ein noch schöneres, noch ergreifenderes und auch unterhaltsam-informatives Projekt zu finalisieren.

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