Pflanzen
in
Gesellschaft
Fallstudie: Work in Progress

Botanisches Theater

„Pflanzen in Gesellschaft” ist ein freies Dokumentarfilm-Projekt, das sich zeitgemäß, filmisch und technisch hochwertig dem einen Thema widmet: der menschlichen Beschäftigung mit der Botanik mittels Büchern und Botanischen Gärten und wie diese Beschäftigung schon früh Pharmazie ist.

„Pflanzen in Gesellschaft” ist ein Weg, um Wissenschaft zu vermitteln, indem es naturwissenschaftliche, historische, aber auch wirtschaftliche, politische und nicht zuletzt künstlerische Zusammenhänge zeigt, erklärt und ästhetisch hochwertig filmisch realisiert. Denn: Nicht zuletzt zeichnet sich das Sujet von „Pflanzen in Gesellschaft” durch überwältigende Schönheit aus. Schönheit der Natur repräsentiert durch die einzelne Pflanze, wie auch dieser Pflanze in Gesellschaft – dem Garten / der Landschaft. Und selbstverständlich auch der Schönheit der Abbildung in Büchern.

Das Dokumentarfilm-Projekt „Pflanzen in Gesellschaft“ betrachtet Botanische Gärten von deren Vorgänger in Antike und Mittelalter über Klostergärten, Parkanlagen, ganze Gartenreiche. Besonderes Augenmerk legen wir auf die konkreten Anfänge der Botanischen Gärten im 16. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart und stellen so die realen Anlagen in einen Kontext mit Botanischen Büchern – antike Handschriften, frühe Drucke, Gartenkataloge des 17. und 18. Jahrhunderts, Kräuterbücher aller Zeitalter bis in unsere Gegenwart – aber auch Besonderheiten wie Wunderkammern, Pomologische Sammlungen, theatra botanica etc. Allesamt Wissensräume, in denen sich Erkenntnis und kulturelle Sinngebung frei entfalten.

In Pflanzenbüchern begegnen sich Wissenschaft und Kunst.


Die nach perfekter Ähnlichkeit strebende bildliche Darstellung erfordert das ganze handwerkliche Geschick des Künstlers und muss am Ende doch unvollkommen bleiben. Weil erst die beschreibenden Worte die vorgestellte Pflanze zu beleben imstande sind. Die Beschreibung der natürlichen Umgebung, in der man die Pflanze findet, die Aufzählungen von Farbe, Geruch, Geschmack und auch von ihrer Wirksamkeit als Heilmittel oder als Gift, die aufgeschriebenen Beobachtungen des Pflanzenwachstums in seinen Stadien vom keimenden Samen bis zur ausgereiften Frucht, ja durchaus die Erwägung eines ökonomischen Nutzens der Pflanze: all diese Beschreibungen tragen zur entstehenden Botanik als systematischer Wissenschaft seit der Antike bei und sie werden bis ins 18. Jahrhundert prägend bleiben. 

Ohne die Abbildungen wiederum waren all die Worte nichts. Hier greifen Wissenschaft und Kunst als Redundanz ein zweites Mal ineinander und sichern ihre Verbindung in Gegenseitigkeit ab. Anknüpfungspunkte bilden sich heraus: für neue Erkenntnisse bei der Erforschung der Pflanze.

Im Film betrachten wir auch einen weiteren rückwirkenden Effekt, der sich darin erkennen lässt, dass die Auseinandersetzung mit Botanischen Gärten und ihren Anschauungsobjekten seit dem 18. Jahrhundert ihrerseits Forscher zu Entdeckungsreisen beflügelten, deren Erkenntnisse wiederum auf Inhalt und Gestaltung Botanischer Gärten zurückwirkten.

Wissensvermittlung mit Medien des 21. Jahrhunderts

Insofern versteht sich das Projekt „Pflanzen in Gesellschaft“ ausdrücklich als zeitgemäßer Kommunikator von Naturwissenschaften, deren Geschichte und Bedeutung bis heute sowie als mediale Übertragung von Wissenschaft – ihrer Inhalte und deren historischer Entwicklung –, aber auch von Kunstgeschichte und Wirtschaftswissenschaften, dargestellt mit zeitgemäßen Mitteln und Formen des 21. Jahrhunderts.

Dabei nutzt „Pflanzen in Gesellschaft“ moderne Technologien bei Aufnahme und Postproduktion. Wobei wir streng darauf achten, die Stilmittel sinnvoll und dramaturgisch überlegt zur Wissensvermittlung einzusetzen.

Ganz im Sinne der wissenschaftlichen Einordnung, dass Botanische Gärten „Wissensräume” sind, in denen sich Erkenntnisse entfalten, greifen wir filmisch-stilistisch diesen Ansatz auf, entwerfen Räume, in deren Kontexten unsere Protagonisten – die Pflanzen – in buchstäblich neuem Licht Erscheinen. Was wir damit erreichen, ist, neben assoziativer und emotionaler Aufladung der Motive in der Wahrnehmung der Zuschauer, die Hervorrufung von Staunen, das wohl die beste Voraussetzung für einen Erkenntnisprozess ist (wenn wir hier Platon folgen mögen).

Ganz im Sinne Platons und seiner Auffassung des θαυμάζω (ich staune) zielen wir mit „Pflanzen in Gesellschaft“ darauf ab, dass das Staunen als spürbares Erlebnis von Wissenschaft und Erkenntnis und deren Kontexten aufgefasst werden kann.

Ziertitel des Wiener Dioskurides

Von der ersten Pflanzendarstellung der Menschheitsgeschichte an ist die erforschende Arbeit an der Abbildung immer auch schon Bestandteil der botanischen Forschung der jeweiligen Zeit. Und damit sind Abbild und Erforschung eng mit dem Zweck des Heilens und seiner Wissenschaften verbunden. Heilkunde, Pharmakognosie und schließlich Pharmazie gründen in der Auseinandersetzung mit Botanik, deren Ausprägungen sowohl die Abbildungen und Beschreibungen auf Pergamenten und in Büchern wie auch die Anwendungen des Wissens etwa in Anbau und Experiment im Garten bzw. Botanischen Garten sind. Besonders erstaunlich dabei ist sicher zu nennen, dass in den Zeiten höchst entwickelter Zeichenkunst etwa ab dem 18. Jahrhundert, die Zeichner UND Botaniker, die von allen störenden Faktoren freigehaltene Zeichnung (die oft auch sämtliche Entwicklungsstadien der Pflanze auf einen Blick darstellten) dem natürlichen Objekt Pflanze vorzogen. ©Wikipedia

Staunen als Kernelement von Erklärfilmen

Nicht zu übersehen sind auch so erstaunliche Entwicklungen, wenn sich etwa aus der Buchkultur heraus die verschriftlichte WissensKULTUR in Gestalt der Botanischen Gärten in eine topologische, systematische, visuelle, haptische und auch olfaktorische Form der WissensVERMITTLUNG wandelt. Nicht zuletzt bringt die Anlage des Botanischen Gartens die Kulturtechnik des Überblicks als „Blick von oben“ mit sich. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt, der Zusammenhänge mit den Erfahrungen Entdeckungsreisender aufweist und (darin ähnlich der Kartographie) dem realen Fliegen vorgreift.

Über Jahrtausende erweist sich diese einerseits forschend-gestalterische Auseinandersetzung und andererseits praktische Arbeit mit Pflanzen, ihrem Aussehen, ihren Lebensbedingungen, ihren Nutzeffekten als weltumspannend. Etwa wenn vom Vergessen bedrohte antike Werke im 9. und 10. Jahrhundert von arabischen Forschern in ihre Sprache übersetzt und in ihre Wissenschafts- und Gartenkultur übernommen wurden und diese so bewahrten Kenntnisse schließlich in der europäischen Renaissance ihren Weg zurück nach Westen fanden, um dann unter neuen Bedingungen angewendet und ausgearbeitet zu werden.

Dieser weltumspannende Aspekt begegnet uns verstärkt seit dem 20. Jahrhundert in neuer Gestalt wieder, etwa wenn Botanische Gärten in einen weltweiten Austausch von Samen und Pflanzen eintreten, dafür eigene Organisationsnetzwerke gründen oder wenn wie etwa in Oman der jüngste Botanische Garten der Menschheit erbaut wird – unter der fachlichen Anleitung einer Biologin aus Niedersachsen.

Geschichten voller Geschichte

„Pflanzen in Gesellschaft“ ist keine trockene Theorie. Das Projekt fasst vielmehr das Zusammenspiel von Pflanzendarstellung und Botanischen Gärten als spannend zu erzählende Reihung von Geschichte voller Geschichten auf. Botanische Gärten sind vor allem auch Orte des Zeigens und des Schauens: das theatrum botanicum als Welttheater. Hier geht es um Schönheit und Bewunderung der Natur. Aber auch um Konkurrenz im historischen Welthandel, um Wissenschaft und Herrschaft, um Zivilisations-, Wirtschafts-, Wissenschafts-, Natur(!)- und Kulturgeschichte. Filmisch wird sich das in dem einen oder anderen Kapitel im Stile einer poetischen Betrachtung zeigen, an anderer Stelle auch als spannender Historien-Thriller. Die Episoden eröffnen neue Perspektiven auf die Vergangenheit, etwa wenn deutlich wird, dass es unter den ersten gedruckten Büchern im Zeitalter Gutenbergs nicht die teuren Bibeln, sondern die Gesundheits- und Pflanzenbücher waren, die das erste Medienzeitalter im Übergang vom 15. auf das 16. Jahrhundert finanzierten und vorantrieben.

Karde: Darstellung aus der byzantinischen Handschrift, dem so genannten „Wiener Dioskurides”. Dieses Blatt zeigt exemplarisch, dass dieses wissenschaftliche Werk über (Heil-)Pflanzen kulturübergreifend genutzt wurde. Neben dem griechischen Urtext finden sich immer wieder Blätter, in die etwa wie hier arabische Notizen eingefügt wurden. Besonders den arabischen Pflanzen- und Heilkundlern bedeutet dieses Werk noch heute sehr viel. ©Wikipedia

Formal-stilistisch fügt unser Projekt die verschiedenen Aspekte des Themas zusammen: das im Interview präsentierte Expertenwissen genau so wie die pergamentenen oder papiernen Zeugnisse in den Archiven, die poetische Betrachtung und den historischen Wirtschaftskrimi wie die naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinne in ihrer zeitlichen Abfolge – freilich nicht ohne diese im Kontext unserer Gegenwart zu betrachten.

„Pflanzen in Gesellschaft“ ist deshalb auch metaphorisch eine Abbildung der geographischen und historischen Verschränkungen der globalen, forschenden und erkennenden Menschheit. Wir zeigen, wie viele Erkenntnisse, Wissenschaften, Methoden und Präparate aus der Auseinandersetzung mit Botanik entstanden sind. Manche Zusammenhänge liegen auf der Hand, andere werden sicher mit Staunen betrachtet werden.

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