Poesia
della
meccanica
Fallstudie: Work in Progress

Die Poesie der Mechanik

Es ist eine verwunschen schöne, verborgene Welt. Das Atelier der Compagnia Colla – einer der ältesten Marionettenkompanien Norditaliens. Seit der ersten Begegnung 2014 lassen mich diese stillen, bescheidenen Künstler nicht los. In dem Jahr produzierte ich die Aufzeichnung der Oper „Rinaldo” von Georg Friedrich Händel im Barocktheater des Ludwigsburger Schlosses für DVD und BlueRay.
Voraussichtlich 2021 stellt NXDRF die Produktion des Films „Poesia della meccanica” fertig, in der das Jahresthema der Puppenspieler auf vielfältige Weise aufgegriffen wird: Was haben der Tod Leonardo da Vincis vor 500 Jahren, die Gründung des Bauhauses vor 100 Jahren und die Marionetten aus der Via Montegani miteinander zu tun?

Poesia della meccanica – Part Two

Am 11. Mai hatte das neue Programm „Poesia della meccanica” im Ateliertheater der Compagnia Colla Premiere. Die Idee zu dieser Produktion hatte noch Eugenio Monti Colla, der vor gut einem Jahr gestorben war und deshalb die Inszenierung nicht mehr selbst besorgte. Deshalb hatte sich Franco Citterio der Regiearbeit angenommen und Eugenios Ideen aufgriffen und für einen Theaterabend entwickelt. Die Poesie der Mechanik also. Fixpunkte dieses Programms sind Leonardo da Vinci, der lange in Mailand wirkte und vor 500 Jahren starb, und das vor 100 Jahren in Weimar gegründete Bauhaus. Von da Vincis phantastischen Maschinen zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts: hier verorten sich die „Marionettisti” der Compagnia Colla. Und sie tun das überzeugend. Schließlich ist die „Poesie der Mechanik“ an Marionettengelenken und Fäden schon seit etwa 200 Jahren das tägliche Geschäft der Truppe.

Von Renaissance bis Moderne

Für den Film habe ich die Generalprobe gedreht. Die letzten Vorbereitungen für den Premierenabend, die die Collas in dieser jedes Mal aufs Neue beeindruckenden Ruhe und Konzentration bewältigen. Schon die Dynamik der Menschen untereinander ließe sich leicht als „Poesia della meccanica“ beschreiben. Auf, hinter und über der Bühne greift der Mechanismus einer erfahrenen Theatertruppe wie ein kompliziertes, aber perfekt austariertes Räderwerk ineinander. Franco Citterios Inszenierung erzählt in einer Abfolge von Nummern nicht nur die Geschichte von Leonardo bis Bauhaus, von Renaissance bis Moderne. Wie nebenbei entwickeln die Collas hier auch ihre eigene Geschichte auf der Bühne: sie zeigen die unterschiedlichen Varianten ihrer Puppentheaterkunst, sie blicken auf ihre Zeit aus den Anfängen zurück, als die Kompanie durch die norditalienische Provinz zog und mit ihren Marionetten Opern- und Ballettinszenierungen der Scala auf dem Land aufführte. Es gibt Reminiszenzen als Theater im Theater, Handpuppen- und Schattentheaterspiel, Kasperle und bezauberndes Pas de deux.

Theater im Theater, die eigene Geschichte in der großen Erzählung

Auf einen der größten Erfolge in der Geschichte der Kompanie (und auch deren Durchbruch), das Ballett „Excelsior” wird ebenso erinnert wie an erfolgreiche Arbeiten der jüngeren Jahre. Mechanischer Bühnenzauber und poetische Führung der Marionetten durch ihre Spieler: freilich bewegen sich zwei Nachbauten von Leonardos Maschinen und freilich sind drei Figurinen, die an Oskar Schlemmers ”Triadisches Ballett” erinnern zu sehen.

Die „Poesia della meccanica” lebt aber auch besonders davon, dass die Menschen hinter der großen Show auf der Bühne sichtbar sind. Sie sind es, die die Mechanik mit Leben, mit Poesie, anreichern und aus eben noch unbelebtem Material ein scheinbar belebtes Wesen erstehen lassen. Insofern lässt sich dieser Abend als ein poetisches Selbstporträt der Künstler mittels Puppen verstehen.

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