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Der Reichstag zu Worms im Jahre 1521

Das Jahr 2021 ist auch für Oppenheim ein Jubiläumsjahr. OppenheimObjekte setzt an diesem Jubiläum an. Im Jahr 1520 nämlich hatte Kaiser Karl V. die Reichsstände, Vertreter der Kirche, Juristen, Adelige und Ritter nach Worms gerufen. Wen er nicht gerufen hatte, war Martin Luther. Dass dieser dennoch nach Worms reiste, machte den Reichstag zu Worms zu einem weltgeschichtlichen Ereignis. Auch das etwa eine halbe Tagesreise von Worms gelegene Oppenheim geriet in den Glanz des historischen Ereignisses. Nicht nur als Durchgangsstation für Kaiser und den päpstlichen Gesandten, die beide schon Ende des Jahres 1520 von Mainz kommend, am Rhein entlang gen Worms reisten. Schließlich machte Mitte April 1521 auch Martin Luther auf seinem Weg nach Worms in Oppenheim Halt. Diese letzte Nacht im Oppenheimer Wirtshaus „Zur Kanne” vor seinem (von ihm zurecht als gefährlich eingeschätzten) Auftreten vor Kaiser und Klerus war ereignisreich. Immerhin versuchten seine Unterstützer (darunter einer der letzten Ritter der Geschichte!) den Reformator zu alternativen Lösungen zu bewegen. Diese dramatische Situation findet unter anderem ihren Niederschlag in der Legende, dass der verängstigte Martin Luther in der Nacht vom 15. auf den 16. April 1521 in eben jenem Oppenheimer Gasthaus „Zur Kanne” bei einem Krug Wein die Hymne der protestantischen Christenheit „Ein‘ feste Burg ist unser Gott” geschrieben hat.

Am 27. Januar 1521 eröffnet in Worms am Rhein der erst jüngst gekrönte Kaiser Karl V. den Reichstag. Eigentlich sollten hier wichtige Rechtsfragen zwischen Kaiser und Fürsten geklärt werden. Doch von Anfang an drängte eine bedeutende Frage mehr und mehr in die Aufmerksamkeit: Wie muss mit den aufrührerischen, reformatorischen Thesen des Wittenberger Doktor Martin Luther umgegangen werden? Anfang des Jahres hatte der Papst den Kirchenbann über Luther verhängt in der festen Überzeugung, dass der Kaiser als zweiter Machtfaktor die weltliche Strafe der Reichsacht ebenfalls über Luther aussprechen würde. Doch so einfach war das nicht. Selbst für einen Kaiser. Der benötigte nämlich die Zustimmung des Reichsgerichts für eine derart einschneidende Strafe. Doch große Teile der deutschen Fürsten sympathisierte mit Luthers neuen Lehren. Und dieses lutherische Lager nutzte die neue Technologie des Buchdrucks, um die Welt mit Schriften, Thesen und Flugblättern zu fluten. Wie konnte der Kaiser da gegenhalten? Dieser Film ist der Prolog im Rahmen des Projekts OppenheimObjekte. Darin werden wichtige Protagonisten der Vorgänge um Martin Luther und den Reichstag in Worms vorgestellt. Fortsetzung folgt.

1. Prolog

Am Morgen des 27. Januar 1521, es war ein Sonntag, predigt der Augustinermönch und Hochschullehrer Martin Luther zunächst den Schäfchen seiner Wittenberger Stadtkirchgemeinde über Genesis Kapitel neun: „Dann segnete Gott Noah und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch, und bevölkert die Erde!“ und danach seinen Mitbrüdern im Augustinerkloster über Matthäus 20, das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.

Es ist nicht bekannt, ob ihn während des Predigens der Gedanke ablenkt, dass am selben Tag, einige hundert Kilometer von Wittenberg entfernt in Worms am Rhein eine Versammlung der Reichsstände unter dem Vorsitz des erst jüngst gekrönten Kaisers, Karls des Fünften, zusammentritt. Und obwohl Martin Luther bis zu diesem Januartag nicht nach Worms zitiert wurde, sind er und seine Schriften gegen die Papstkirche DAS Thema auf dem Reichstag. Doch nicht unbedingt von der Art, die man vermuten würde:

Hieronymus Aleander
Hieronymus Aleander war der Gesandte des Papstes am Hofe Karls V. Seine Aufgabe bestand hauptsächlich darin, die weltlichen Herrscher auf die Linie des Vatikans einzuschwören. Dieses Ziel sollte schwieriger zu erreichen sein, als angenommen.

Mit den Augen des päpstlichen Gesandten

Völlig fassungslos beobachtet der Gesandte des Papstes, Hieronymus Aleander, schon seit Monaten in Deutschland unterwegs, dass die Stimmung im Volk und auch unter den Mächtigen immer unverhohlener in Sympathie für den Wittenberger Reformator umschlägt. Aleander, der in seinen detaillierten Briefen an den Papst Luther nur „un ribaldo“, einen Schurken, nennt, beschreibt diese Entwicklung mit großer Sorge. Schon im nahen Mainz weigerten sich die Bürger der Stadt, Luthers Schriften auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Ja schlimmer noch! Wäre ihm dieser Abt aus Fulda nicht entschlossen zu Hilfe gekommen, dann hätten ihn, den päpstlichen Nuntius, die feindseligen Mainzer, die er, Aleander, als von „altersher nichtswürdige Schelme” beschreibt, vermutlich gesteinigt.

Und hier in Worms? Beichtkinder verlachen ihre Beichtväter und machen sich nichts draus, wenn die ihnen wegen nur halbherziger Reue die Absolution verweigern. Schreibe der Doktor Luther in Wittenberg doch in seinen Schriften, dass nur Gott ihnen ihre Sünden vergeben könne. Und nur Gott gegenüber müssen sie sich reuig erweisen.

Aleander hat es nicht leicht auf seiner Mission. Und das gleich auf verschiedenen Ebenen. Ihm, dem gebürtigen Italiener ist es schon seit Monaten zu kalt in Deutschland. Die Stadt Worms ist wegen des Reichstags derart mit Fürsten, Rittern, Mönchen, Priestern, Händlern und Huren überfüllt, dass sogar er, der Botschafter des Heiligen Stuhls, in der Nähe des Verhandlungsortes keine standesgemäße Unterkunft findet. Nach wenigen Tagen im Hause des Wormser Vikars Vigilius sucht Aleander sich etwas eigenes und findet nur ein nicht beheizbares Zimmer in der Hütte eines Armen. Das einzige Zimmer mit Kamin in diesem Haus ist so niedrig, so unsauber und es stinkt so unsagbar darin, dass Aleander für sich beschließt, lieber zu frieren, als in Schmutz und Gestank zu leben.

Man könne nicht auf die Straße gehen, beschreibt Aleander dem Papst die Situation. Tatsächlich sollen in Worms während des Reichstags jede Nacht drei bis vier Morde begangen worden sein. Der vom Kaiser eingesetzte Profoß, eine Art Polizeichef, lässt in den ersten Wochen der bedeutenden Zusammenkunft zur Abschreckung an die 100 Hinrichtungen vollziehen. Man berichtet von Raub und Mord entlang der Handelsstraßen nach und von Worms.

All das waren kleine Probleme im Vergleich zu Aleanders eigentlicher Aufgabe. Immerhin hatte der Papst ihn nach Deutschland geschickt, um am Hofe Karls V. gegen die Reformation und namentlich gegen den Wittenberger Doktor Martin Luther Stimmung zu machen mit dem Ziel, jegliche reformatorische Impulse niederzuringen und die unbezweifelte Alleinherrschaft der päpstlichen Kirche wiederherzustellen. Aleander ist nun schon ein gutes Vierteljahr in dieser Mission unterwegs. Und er erkennt allmählich, dass die Aufgabe schwieriger ist, als sie zunächst aussah. Luther hat einflussreiche und mächtige Beschützer.

Luthers oberster Beschützer

Allen voran dieser Mann hier. Friedrich III., auch der Weise genannt, Kurfürst von Sachsen.Der zum Zeitpunkt des Reichstags in Worms fast Sechzigjährige ist ein politisch einflussreicher Mann. Als Kurfürst von Sachsen gehört er dem Wahlgremium an, dass Könige und Kaiser macht. Friedrich, durchaus ein Herrscher, der Bildung schätzt und den Fortschritt fördert, unterstützt Martin Luther und er schützt ihn. Das tut er aus politischen Gründen und nimmt die theologischen Streitigkeiten dabei in Kauf. Ziel der Politik Friedrichs ist die Einhegung der Machtansprüche der Päpste. Ein Bekenntnis zu Luthers Lehren sucht man bei Friedrich weitgehend vergeblich. Auch hat der Fürst den Wittenberger Doktor nie persönlich empfangen.

Aleander hat Friedrich schnell als wichtigen Gegenspieler identifiziert. Wie groß seine kaum zu zügelnde Verachtung gegen den Fürsten sein muss, lässt sich daran erkennen, dass er ihn hin und wieder „das fette Murmeltier“ (il grasso marmotta) nennt.

Herrscher über ein Reich, in dem die Sonne nie untergeht

Wir, Karl der Fünfte, von Gottes Gnaden erwählter Römischer Kaiser, immer Augustus, zu allen Zeiten Mehrer des Reiches, in Germanien, zu Kastilien, Aragon, León, beider Sizilien, Jerusalem, Ungarn, Dalmatien, Kroatien, Navarra, Granada, Toledo, Valencia, Galicien, Mallorca, Sevilla, Sardinien, Córdoba, Korsika, Murcia, Jaén, Algarve, Algeciras, Gibraltar, der Kanarischen und Indianischen Inseln und des Festlandes, des Ozeanischen Meers et cetera König, Erzherzog zu Österreich, Herzog zu Burgund, zu Lothringen, zu Brabant, zu Steyr, zu Kärnten, zu Krain, zu Limburg, zu Luxemburg, zu Geldern, zu Kalabrien, zu Athen, zu Neopatria und zu Württemberg et cetera Graf zu Habsburg, zu Flandern, zu Tirol, zu Görz, zu Barcelona, zu Artois und zu Burgund et cetera Pfalzgraf zu Hennegau, zu Holland, zu Seeland, zu Pfirt, zu Kyburg, zu Namur, zu Roussillon, zu Cerdagne und zu Zutphen et cetera Landgraf im Elsass, Markgraf zu Burgau, zu Oristan, zu Goziani und des Heiligen Römischen Reiches, Fürst zu Schwaben, zu Katalonien, zu Asturien et cetera Herr zu Friesland und der Windischen Mark, zu Pordenone, zu Biscaya, zu Monia, zu Salins, zu Tripolis und zu Mecheln et cetera

Das sind die Titel die der zwanzigjährige Karl auf sich vereinigt.

Nominell ist dieser Zwanzigjährige die wichtigste Figur auf dem Reichstag in Worms. Der erst vor einem knappen Vierteljahr gekrönte Kaiser Karl V. Nicht immer kann er diese eigene Wichtigkeit gegen den (noch!) abwesenden Martin Luther behaupten. Unter den Reichsständen, den anwesenden Fürsten, Grafen und Rittern, ja sogar Priestern und Mönchen, aber eben auch auf den Straßen von Worms schlägt die Stimmung spürbar zugunsten des Reformators und seiner Ideen um. Nicht zu vergessen: Wir befinden uns hier im ersten Medienzeitalter. Nur wenige Kilometer von Worms, im nahen Mainz, hatte Johannes Gutenberg – keine 100 Jahre ist das her – den Buchdruck derart vervollkommnet, dass auf dem Reichstag beinahe täglich eine Flut von gedruckten reformatorischen Flugblättern unter die Menschen kommt. Während der offizielle Reichstag noch Tage braucht, um das Eröffnungsprotokoll abzuschreiben und den Beteiligten zuzustellen, setzt das Lager Luthers auf Hightech und erfindet die Frühform von social media. Die Schriften der Reformatoren sind in aller Munde. Längst werden sie auf den Straßen diskutiert, aber die Diskussionen dringen in die offiziellen Versammlungen der Fürsten bis hin zu deren verschwiegenen Kanzleien. Der abwesende Herr Luther ist aus Worms einfach nicht wegzudiskutieren.

Der Kaiser ist auch nur ein junger Mensch

Karl ist ein Zwanzigjähriger! Sucht man ihn während des Reichstages, findet man ihn oft auf der Rennbahn, bei den „schnellen Pferden“. In Worms werden täglich Ritterspiele ausgetragen, für die sich der junge Kaiser sehr interessiert. Diese internationale Sprache der Wettkämpfe und des Entertainments versteht der junge Karl gut. Anders als das Deutsch, das seine Untertanen hier sprechen, Das versteht der Kaiser nämlich nicht.

Hier in Worms geht es darum, Reichspolitik für ein Imperium zu machen, in dem, wie die Leute (fast) richtig sagen, die Sonne nicht untergeht. Der Kaiser weiß, er ist nicht zum Spaß hier ist.
Es ist nicht anzunehmen, dass der Zwanzigjährige seine Verhandlungspositionen, seine Strategien, die Entscheidungen über Bündnisse und Entzweiungen selbst trifft. Einflussreiche Einflüsterer haben sich um ihn versammelt. Und schon jetzt und hier, am 27, Januar des Jahres 1521, in Worms wächst ein Thema zu längst nicht mehr zu übersehender Bedeutung an, das hier eigentlich nur eine Nebenrolle spielen sollte. Martin Luther und seine Schriften.

Das theatrum mundi Worms als erstes der OppenheimObjekte

Denn anders als der Papst und sein Gefolge beabsichtigen, folgen die weltlichen Fürsten nicht dem, Anathema, dem am 3. Januar über Luther verhängten Kirchenbann, also Luthers Exkommunikation, dem Ausschluss aus der alternativlos christlichen Gemeinschaft. Was wie ein Doppelschlag aus päpstlicher und fürstlicher Verbannung Luthers nämlich durch die so genannte Reichsacht ausgeführt werden sollte, erweist sich jetzt als weitgehend wirkungslos. Vom kurfürstlich-sächsischen Wittenberg aus lässt es sich ganz ungerührt auf den zürnenden und sanktionierenden Papst und seine Leute blicken.

Schon wenige Monate nach der Wahl Karls zum Kaiser greift ein politischer Mechanismus, den die angehende Majestät als Zugeständnis an die Fürsten akzeptiert hatte: Nicht wie bisher er, der Kaiser allein, darf die Reichsacht über jemand verhängen. Das Reichsgericht muss dem Entzug der Rechte und der persönlichen Freiheit zustimmen. Und dieses Reichsgericht repräsentierte viele politische Positionen.

Und solange die Fürsten sich nicht einig sind und die Reichsacht nicht über Luther verhängen, wird er weiter gegen das Papsttum arbeiten.

Die Hauptrollen dieses anbrechenden Dramas sind also besetzt. Und Worms wird in diesen Januartagen des Jahres 1521 zur Bühne eines Welttheaters. Vorhang auf im theatrum mundi.

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