Heute Abend wird auf ZDF-info der von Spiegel TV produzierte Dokumentarfilm „Prostitution in der DDR“ erstausgestrahlt. ein heikles Thema, zweifellos. Und zum – nach meiner Kenntnis – ersten Mal gehen wir mit dieser Dokumentation tiefer ins Thema als die bisherigen dokumentarischen Betrachtungen von Prostitution an den Hotspots des „Westgelds” in der DDR: Interhotels, Bars in Ostberlin und Leipzig. Die Entstehungsgeschichte des Films reicht sehr weit zurück. Ich erinnere mich sehr gut: es muss Mitte der achtziger Jahre gewesen sein. Eine Schulfreundin von damals hatte einen Ferienjob an der Rezeption des nobelsten Leipziger Devisenhotels „Merkur”. Devisenhotel bedeutete, dass man nur mit harter Wohnung ein Zimmer bekam, das dann pro Nacht so viel kostete wie eine DDR-Durchschnittsfamilie im Jahr für ihre Wohnung zahlte.
Völlig fassungslos berichtete die Schulfreundin damals, was sie beobachtet hatte: dass Abend für Abend Trabbis, Wartburgs und andere Ost-Autos die Auffahrt zum Hotel rauffuhren und Ehemänner ihre Ehefrauen ausluden, damit die an der Hotelbar für Westgeld anschafften. Alles unter den Augen der Rezeption – selbstverständlich.

In den Ohren eines Schülers klang das einerseits unglaublich. Andererseits allerdings auch irgendwie plausibel. Dass in der DDR sexuelle Dienstleistungen für D-Mark, Dollar usw. angeboten und verkauft wurden, wurde und wird noch heute irgendwie schulterzuckend hingenommen. Angesichts der bei Umrechnungskursen D-Mark zu DDR-Mark von bis zu 1:10 zu erzielenden Gewinne war meistens auch hier die systematische Heuchelei im „ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden” mit Verständnis zur Kenntnis genommen worden. „Prostitution in der DDR” gab es, aber sie war kaum sichtbar. Wie so oft zeigt sich bei diesem Thema auch, dass man nur sieht, was man zu sehen erwartet.

Prostitution in der DDR; Screenshot der Startseite in der Mediathek des ZDF
Prostitution in der DDR; Screenshot der Startseite in der Mediathek des ZDF

Prostitution in der DDR: Von Straßenstrich und Edelhuren

Tatsächlich hörte man damals auch, dass es in Leipzig in der Nordstraße einen Straßenstrich geben würde. Der hatte wohl eine ziemlich spezialisierte Klientel. Eben diejenigen, die Prostitution in der DDR erwarteten und deshalb auch sahen. Jahrzehntelang trug ich diese blassen Erinnerungen mit mir herum, bis vor ein paar Jahren die Idee zu einer Reihe von Dokumentationen entstand, die alle eher die Randbereiche und verschwiegenen Ecken des DDR-Alltags berühren sollten, all das, was erst unter der Oberfläche seine ganze Bedeutsamkeit entfaltet. Der nichtoffizielle Arbeitstitel dieser Idee lautete „Fremd im eigenen Land”. Beabsichtigt war, das Abgründige, das Verborgene, das Leicht-zu-Übersehende im sozialistischen Arbeiter-und-Bauern-Staat für gut vierzig Minuten ans Licht zu bringen. Der Dokumentarfilm „Prostitution in der DDR” war das zweite Projekt in dieser Reihe.

Und abgründig wurde es ziemlich schnell nach Beginn der Recherchen zu diesem Film. Was bis dahin nur eine theoretische Annahme war: wenn sich selbst in der sozialistischen Planwirtschaft der Markt immer durchsetzt (wenn es sein muss eben als „Schwarzmarkt”), dann muss das Spiel von Nachfrage und Angebot auch auf dem Feld der sexuellen Dienstleistungen erkennbar sein, dann muss es auch Prostitution in der DDR geben. Und zwar in allen Spielformen und allen Preiskategorien: von der Elendsprostitution und Straßenstrich bis hin zu Edelhuren. Bei solchen Recherchen sollte das Archiv der BStU zwar nicht die einzige Quelle sein. Aber ein Anfang, um den Faden aufzunehmen, war es allemal. Nach einem monatelangen Recherchevorlauf verbrachte ich beinahe eine Woche im Lesesaal der BStU in der Berliner Liebknechtstraße.
Was sich da vor meinen Augen ausbreitete, war für mich wie das Bereisen einer gänzlich fernen Galaxie, eine Ansammlung menschlichen Elends und Leids, aber auch menschlicher Niedertracht, getrieben von Gier und Neid, von Habsucht und völliger moralischer Verwahrlosung.

Viele Nutznießer des Handels mit sexuellen Dienstleistungen

Am wenigsten betraf das die Frauen selbst (oder zumindest nur in geringem Maße). Wesentlich eklatanter betraf diese menschliche Niedertracht diejenigen, die sich als Nutznießer in der Wertschöpfungskette des Handels mit sexuellen Dienstleistungen festgebissen hatten. Und diese Wertschöpfungskette war lang und vielfältig: da waren die Mitglieder des kleinkriminellen Milieus in den mittleren und großen Städten der DDR, Schwarzmarkthändler, Tagediebe, Gelegenheitszuhälter, da waren die Angestellten und die mittlere Leitungsebene in der Gastronomie von der Gardrobiere am Eingang der Nachtbar über den Doorman an der Hotelauffahrt, da waren Kellner, die die Sitzplätze in den Restaurants und den Nachtbars verteilten und Barchefs, da waren Rezeptionisten und die „Sicherheitschefs” in den Hotels, da waren Absolventen der Stasihochschule, die noch heute mit Diplomen und Doktortiteln rumlaufen, die sie sich mit so genannten akademischen Arbeiten über Auswertung und Ausnutzung der Prostitution erwarben, da waren Stasi-Offiziere, die in den oft prekären Milieus kleine und größere Spitzel „führten”, die sich alle reihum gegenseitig belauschten und verpfiffen, da war der kleine Volkspolizist, der auf dem Straßenstrich der Nordstraße Personal für eine Sexparty mit westdeutschen Messegästen rekrutierte, oder die Volkspolizisten im Bezirk Erfurt, die in den Siebzigern Listen erstellten, in denen sie zur Prostitution und Spitzeldiensten taugliche junge Frauen mitsamt körperlichen Merkmalen und persönlichen Vorlieben führten, da waren höherrangige Stasi-Offiziere, die die besserverdienenden „Honigfallen” zum Zweck des Siegs des Sozialismus dem Klassenfeind ins Bett legten und sie dabei belauschten und filmten, da war der reiche österreichische Industrielle, der sich in einem Weimarer Hotel einmietete und sich von einem von ihm selbst eingerichteten Fahrdienst im Stundentakt je eine neue Frau zuführen ließ und – weil es der 8. März war – meinte, er würde den Damen zum Internationalen Frauentag einen Gefallen tun, da waren Parteibonzen und Diplomaten aus schier aller Herren Länder, die sich am Angebot sexueller Dienstleistungen gütlich hielten und, und, und …

Und da waren die Frauen, aus allen Schichten der angeblich klassenlosen Gesellschaft. Arme, ungebildete Frauen, die sich im Kneipenklo für ’n Bier und fünf Mark verkauften, oder die sich Schutz vor noch ungewollteren Zudringlichkeiten „erarbeiteten”, da waren die abenteuerlustigen Mädchen, die ihre Jugend nutzten und dabei rasch schnelles Geld machten, da waren die Leipziger „Bordsteinschwalben” vom Straßenstrich in der Nordstraße, die sich ihren (oft) überdurchschnittlichen Lebensstandard mit sexuellen Dienstleistungen erarbeiteten, da war die oft zitierte gut aussehende Angestellte in einem Karl-Marx-Städter Industriebetrieb, die schnell zur Edelhure aufstieg, nach eigener Aussage eine rege sexuelle Aktivität bis in höchste politische Kreise des Ostblocks an den Tag legte und dabei für Ostverhältnisse astronomische Gewinne erwirtschaftete. Nicht nur wegen ihres Mercedes soll sie ein Blickfang in Karl-Marx-Stadt gewesen sein.

Hinter jeder Akte: ein Schicksal

In diesem Berg von Akten ließ sich langsam eine Linie herauslesen. Zuerst sicher diese: Es ist falsch, Prostitution in der DDR hauptsächlich als alleiniges Instrument der Stasi zu verstehen. Die Stasi hat die Prostitution nicht erfunden! Vielmehr gilt, was zwei Stasi-Diplomanden in ihrer Abschlussarbeit aus einer westdeutschen Zeitschrift für Kriminologie zitierten: Prostitution, so stand da geschrieben, sei eine gesellschaftliche Daseinsformen, die man nicht ausmerzen könne. Vielmehr müsse man lernen, mit diesem gesellschaftlichen Phänomen umzugehen. Nun, diese Erkenntnis wurde in der DDR auf durchaus besondere Weise genutzt. Prostitution ist uralt und tief in der Entwicklung der menschlichen Zivilisation eingebunden. so war Prostitution eben auch schon vor der DDR da. Gerade das Elend der direkten Nachkriegszeit zwang so manche Frau dazu, sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen. Die Historikerin Dr. Steffi Brüning, die ihre Doktorarbeit über Prostitution in der DDR geschrieben und dafür sehr intensiv recherchiert hatte, weist in unserem Film darauf hin, dass Prostitution Arbeit sei, wenn die betreffende Frau damit ihren Lebensunterhalt erwirtschaftet. Und das taten in der DDR durchaus viele.

Sadist oder Sugardaddy

Andere besserten ihre Einkünfte durch Gelegenheitsprostitution auf. Zu den in dieser Hinsicht bemerkenswertesten Quellen gehören wohl zahlreiche handbeschriebene Zettel, auf denen eine geschiedene Frau zusammenfasst, wie sie auf den Straßenstrich auf der Oranienburger Straße in Ostberlin geraten war. Penibel beschreibt sie die finanziellen Schwierigkeiten, die sie zur Prostitution bewegten, ihr Bemühen aus den Gelegenheitsbekanntschaften auf der Straße, Stammkunden zu machen. Sie beschreibt ihre Stammfreier, vom Fabrikanten über den Chefarzt, Künstler, Journalisten. Sie zählt Preise auf und klagt über einen ältlichen „perversen” Stammkunden, der in einer Villa wohnt und von ihr schmerzhafte Sexpraktiken erwartet, dafür aber auch das Doppelte der üblichen Tarife zu zahlen bereit ist.

In den Akten finden sich Geschichten von ostdeutschen „Sugardaddys“, meist Handwerksmeister aus der Provinz, die sich in Großstädten junge hübsche Mädchen als Gespielin halten und dafür Miete und diverse Anschaffungen übernehmen. Manche Mädchen bringen es mit einem gut organisierten Reigen von solchen „Spendern”, von denen keiner vom anderen wissen durfte, zu einem hübschen Einkommen.

Zwei junge Frauen in Ostberlin, beide mit guten Jobs, geraten Anfang der Siebziger in die Mühlen der Stasi. Am Ende werden sie zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt werden, diese aber nicht absitzen müssen. Eine Amnestie zum Republikgeburtstag erspart ihnen dieses Schicksal. Eine der beiden Frauen hat eine Stammkundschaft, die sich nicht unerheblich aus dem künstlerischen Personal eines renommierten Theaters der Stadt zusammensetzt.

Eine der vielen Frauen, die in Rostock anschaffen gehen, pflegt neben ihrer alten Mutter auch deren Bekanntenkreis und die Rentner der Nachbarschaft. Einerseits verdient sie mit Prostitution und Schwarzhandel ordentlich, andererseits ist es traurig in den Akten zu verfolgen, wie die Frau mit ihren zahlreichen Versuchen, aus dem Gewerbe auszusteigen, regelmäßig scheitert. Sie will einen Mann und eine Familie. Doch sie findet nicht aus dem Milieu hinaus.

Was unseren Film über Prostitution in der DDR so besonders macht, ist, dass wir nicht nur den oberflächlich erkennbaren Erscheinungen von Prostitution in der DDR nachgehen, dass wir das Ganze nicht schulterzuckend als notwendiges Übel von Leipziger Messe und Devisenhotels in Ostberlin auffassen, sondern dass wir auch die kleine, verborgenen Momente des Handels Sex gegen Geld in den Blick nehmen, das oft damit verbundene menschliche Elend, Neid, Missgunst. Und dass wir die Wertschöpfungskette der Nutznießer dieses Schwarzmarktes benennen.

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