Die Wiege der chemisch-pharmazeutischen Industrie stand in Oppenheim
Eine späte Korrektur der Pharmaziegeschichte.
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Kolleginnen und Kollegen aus der Pharmazie wissen, dass offizielle Festschriften oft Legenden fortschreiben, statt Quellen zu prüfen. In acht Jahren akribischer Archivarbeit – von den Protokollen des Mainzer Medicinalcollegs bis zu Friedrich Kochs originalem Fakturabuch von 1825 – habe ich als Dokumentarfilmemacher und Autor die tatsächlichen Ursprünge der Chinin-Extraktion in Deutschland und damit die Vorgänge um die früheste chemisch-pharmazeutische Industrie in der Welt rekonstruiert. Entstanden ist eine quellenbasierte Streitschrift, die mit über 120 Jahren biographischem Unfug aufräumt. Ein unverzichtbares Werk für jeden, der sich für die Wurzeln des Berufsstands des modernen Apothekers interessiert.
Primäre Quellen statt Mythen: Erstmals lückenlos belegt anhand der Originaldokumente der 1820er Jahre.
Der Film zum Buch: Fundiert durch die vorausgegangene filmische Auseinandersetzung mit dem Thema.
Bibliophile Ausstattung: 72 Seiten, hochwertiges Bilderdruckpapier, Fadenheftung für perfekte Planlage der historischen Abbildungen, Porträts und Dokumentenfaksimiles.
Das Buch ist nicht im Verzeichnis lieferbarer Bücher gelistet und wird exklusiv über diese Webseite sowie an ausgewählten Verkaufsstellen in Oppenheim erhältlich sein.
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Über Friedrich Koch, Emanuel Merck und die erstaunlich vergessenen Anfänge der pharmazeutischen Industrie
Es gibt Bücher, die einen Gegenstand erforschen. Und es gibt Bücher, die zunächst einmal mit den Büchern abrechnen müssen, die vor ihnen über diesen Gegenstand geschrieben wurden.
Axel Nixdorfs „Friedrich Koch in Oppenheim und die Erfindung der chemisch-pharmazeutischen Industrie aus dem Geist der Apotheke“ gehört zur zweiten Sorte. Das ist nicht ganz ungefährlich. Wer sich mit einem Mann beschäftigt, dessen biographisches Bild angeblich seit mehr als hundert Jahren von Irrtümern, Auslassungen und Legenden überlagert wird, gerät leicht in die Versuchung, aus jeder neuen Quelle einen Beweis und aus jeder alten Ungenauigkeit einen Skandal zu machen.
Nixdorf ist dieser Versuchung nicht immer ausgewichen. Jedoch: das Entscheidende ist, er hat Quellen gefunden, die seine Unruhe rechtfertigen.
Und eine dieser Quellen ist von einer geradezu unverschämten Nüchternheit.
Sie heißt „Factura-Buch“, beginnt 1825 und endet 1831.
Ein Rechnungsbuch also.
Kein Manifest, keine Autobiographie, keine nachträgliche Festschrift, kein von einem Unternehmenshistoriker arrangiertes Heldenleben. Sondern ein Geschäftsbuch, in dem jemand penibel festhält, wie er Chinin verkauft, Säuren einkauft, Glaswaren bezieht, mit Apothekern abrechnet und gelegentlich notiert, was ihm andere Chemiker geliefert haben. Das Buch ist unscheinbar. Gerade deshalb ist es so wertvoll.
Nixdorf nennt es die „Geburtsurkunde“ der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Das ist eine große Formulierung. Aber sie hat einen guten Grund: Rechnungsbücher lügen auf ihre eigentümliche Weise weniger als Festschriften. Denn, wenn es um Waren, Mengen, Lieferanten und Geld geht, wird aus der Geschichte plötzlich Ökonomie.
Und diese Ökonomie erzählt eine andere Geschichte als diejenige, die man erwarten würde.
Der Apotheker, der nicht warten wollte
Friedrich Koch war Apotheker in Oppenheim. Aus dieser Feststellung ist in der älteren Literatur ein beinahe folkloristisches Berufsbild entstanden: der tüchtige Provinzapotheker, der sich mit Chinarinde beschäftigt und irgendwann – mehr oder weniger zufällig – zur ersten deutschen Chininfabrikation gelangt.
Nixdorf möchte daraus etwas anderes machen.
Nicht die Geschichte eines genialen Erfinders erzählen. Das wäre nur die nächste Heldensage von vielen.
Nixdorf fokussiert auf den Apotheker in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der den für diese Zeit unfassbar großen Schritt vom Laboratorium zur Produktion vollzieht.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Denn die entscheidende historische Frage lautet dann nicht mehr: Wer hat das Chinin entdeckt? Diese Frage ist auch so schon kompliziert genug. Runge hatte bereits 1819 über die Gewinnung eines kristallinen Stoffes aus Chinarinde publiziert; Pelletier und Caventou isolierten 1820 die Alkaloide Chinin und Cinchonin. Die übliche Erzählung vom französischen Entdecker und deutschen Nachahmer ist also bereits auf der Ebene der Entdeckungsgeschichte eine Verkürzung. (Regionalgeschichte)
Die interessantere Frage lautet:
Wer brachte das neue chemische Wissen in eine reproduzierbare, verkäufliche, überregional organisierte Produktion?
Hier beginnt Koch interessant zu werden.
Und hier beginnt auch des Autors eigentliches Thema: Wie wird aus einer Apotheke Industrie?
Die Antwort lautet offenbar nicht: indem eines Tages jemand die richtige Maschine erfindet.
Sie lautet: durch Rohstoffbeschaffung, Verfahren, Arbeitsteilung, Vertrieb, Kapital, Lieferbeziehungen, Lohnarbeit, gegenseitige Geschäfte und ein wachsendes Netz von Akteuren.
Mit anderen Worten: durch Wirtschaft.
Das Rechnungsbuch schlägt die Heldengeschichte
Das Faszinierendste an Nixdorfs Buch ist deshalb nicht einmal seine angekündigte Polemik gegen die Koch-Biographien. Es ist die Welt, die aus dem Fakturabuch hervortritt.
Rund sechzig Geschäftspartner erscheinen darin. Und unter ihnen steht ein Name, den man in einer Geschichte der frühen deutschen pharmazeutischen Industrie nicht übersehen sollte:
Emanuel Merck.
Im Konto „Herr Apotheker Merck Darmstadt“ findet sich 1828 eine Chininlieferung. Weitere Lieferungen folgen. Im September wird die Bearbeitung von „8 Unzen Salzsaures Chinin“ notiert – ein Vorgang, den Nixdorf als möglichen Hinweis auf Lohnarbeit für Merck diskutiert. Im November wiederum tauchen Picrotoxin, Piperin und Lupulin auf, „von Herrn Merck erhalten“.
Das ist keine Kleinigkeit.
Denn Mercks spätere Unternehmensgeschichte hat einen außerordentlich starken Gravitationspunkt: die Apotheke, aus deren Laboratorium sich das Unternehmen entwickelte. Auch die heutige Unternehmensdarstellung bezeichnet die Darmstädter Apotheke als den „Nucleus“ des Unternehmens. (Merck Group) Die Neue Deutsche Biographie beschreibt Heinrich Emanuel Mercks Lebenswerk entsprechend als eine chemisch-pharmazeutische Fabrik, die sich schrittweise aus seinem Apothekenlaboratorium entwickelte; Merck habe in den 1820er Jahren begonnen, Pflanzenalkaloide über den Eigenbedarf der Apotheke hinaus darzustellen. (Deutsche Biographie)
Das ist als Ausgangspunkt keineswegs falsch.
Aber es ist womöglich nicht die ganze Geschichte.
Denn wenn Merck in diesen Jahren gleichzeitig mit Koch Geschäfte macht, Chinin von Koch bezieht und möglicherweise Arbeiten für ihn ausführen lässt, dann erscheint die frühe Industrie nicht als Ansammlung voneinander unabhängiger Genies, die jeweils in ihren eigenen Kellern ihre eigene Industrie erfinden.
Sie erscheint als Netzwerk.
Nixdorf benutzt dafür das schöne, etwas anachronistische Bild einer „Open Source Community des 19. Jahrhunderts“. Das ist zunächst eine Metapher. Historisch fruchtbar wird sie dort, wo das Fakturabuch sie konkretisiert: Wissen, Rohstoffe, Zwischenprodukte und Absatzmöglichkeiten zirkulieren zwischen den Akteuren.
Das verändert auch den Blick auf Merck.
Denn möglicherweise liegt die eigentliche unternehmerische Leistung Emanuel Mercks gar nicht darin, sämtliche Alkaloide, die später im „pharmazeutisch-chemischen Novitätenkabinett“ erscheinen, eigenhändig aus dem eigenen Labor hervorgebracht zu haben.
Sie könnte vielmehr in der Fähigkeit gelegen haben, Produkte, Verfahren, Menschen und Märkte zu einem Unternehmen zusammenzufügen.
Nixdorf selbst kommt dieser versöhnlicheren Interpretation erstaunlich nahe. Er nennt Merck ein „Scharnier“ – in der Familiengeschichte ebenso wie in der Geschichte der pharmazeutischen Industrie.
Das ist historisch wahrscheinlich interessanter als eine Demontage Mercks.
Denn Merck ist nicht der Gegner dieses Buches
Hier liegt auch eine der stärksten Stellen von Nixdorfs Argumentation – und zugleich eine Stelle, an der man seine Polemik etwas zurücknehmen möchte.
Die Frage ist nämlich nicht:
Koch oder Merck?
Sondern:
Was bedeuteten Koch und Merck füreinander?
Wenn Darmstadt im kommenden Jahr tatsächlich die zweihundertjährige Geschichte des pharmazeutisch-chemischen Novitätenkabinetts zum Gegenstand einer größeren Erinnerungskultur macht, wird diese Frage noch interessanter.
Denn das Novitätenkabinett von 1827 ist ein bemerkenswertes Dokument. Es zeigt einen Zeitpunkt, an dem die chemisch-pharmazeutische Produktion offenbar bereits weit genug entwickelt war, um ein erstaunlich breites Sortiment präsentieren zu können.
Aber genau hier setzt Nixdorfs unbequemste Frage an:
Wie sollte eine solche Breite der Produktion am zeitlichen Anfang der Industrie überhaupt zustande gekommen sein?
Wenn ein einzelner Hersteller zu diesem Zeitpunkt sechzehn Alkaloide anbietet, während die technische und wirtschaftliche Beherrschung selbst einzelner Extraktionsprozesse noch eine erhebliche Herausforderung darstellt, dann ist die Annahme einer vollständig solistischen Produktion zumindest erklärungsbedürftig.
Der Autor verweist darauf, dass beim Morphin und Emetin Hinweise auf Merck, beim Chinin dagegen Hinweise auf Koch existieren. Er fragt deshalb, ob die Liefer- und Lohnproduktionsbeziehungen nicht stärker in Rechnung gestellt werden müssten.
Das ist keineswegs dasselbe wie der Beweis, dass Merck die sechzehn Präparate nicht selbst herstellen konnte.
Aber es ist eine gute historische Frage.
Und eine, die sich mit dem vorhandenen Fakturabuch überhaupt erst stellen lässt.
Der erstaunlich moderne Charakter dieser frühen Industrie
Hier wird Nixdorfs Buch größer, als sein Titel zunächst vermuten lässt.
Es handelt nämlich nicht nur von Koch.
Es handelt von der Entstehung industrieller Wissensproduktion vor der eigentlichen Fabrik.
Die frühe pharmazeutische Industrie entsteht nicht aus dem Nichts. Sie entsteht aus einer Mischung von Apothekerwissen, Pflanzenchemie, Versuch und Irrtum, Handelsbeziehungen und Konkurrenz. Wer ein Verfahren publiziert, riskiert Nachahmung. Wer ein Rohmaterial beschafft, wird zum Lieferanten. Wer ein Produkt herstellen kann, braucht Absatz. Wer ein anderes Produkt benötigt, tauscht.
Das Fakturabuch macht diese Beziehungen sichtbar.
Und plötzlich erscheint der vielzitierte Übergang von der Apotheke zur Industrie nicht mehr als sauberer Entwicklungspfeil:
Apotheke → Labor → Fabrik.
Sondern eher als ein dichtes Geflecht:
Apotheke ↔ Labor ↔ Händler ↔ Lieferant ↔ anderer Apotheker ↔ Chemiker ↔ Produzent ↔ Markt.
Das ist vielleicht Nixdorfs wichtigste historische Beobachtung.
Ein Buch, das auch die Pharmaziegeschichte gegen den Strich liest
Man sollte dabei nicht übersehen, dass der Autor keineswegs auf unbetretenem Gelände arbeitet.
Wilhelm Vershofens „Die Anfänge der chemisch-pharmazeutischen Industrie“ von 1949 ist seit Jahrzehnten ein grundlegendes Werk für die wirtschaftshistorische Betrachtung dieser Frühphase. Und ausgerechnet Vershofen hatte das Kochsche Fakturabuch bereits 1943 ausgewertet. Nixdorf macht darauf ausdrücklich aufmerksam.
Das ist wichtig.
Denn Nixdorfs eigentlicher Vorwurf lautet damit nicht:
Niemand wusste von dieser Quelle.
Sondern eher:
Man hat gewusst, dass das Fakturabuch existiert – aber dessen Konsequenzen für die großen Erzählungen offenbar nicht gezogen.
Das ist eine sehr viel interessantere These.
Die gegenwärtige fachgeschichtliche Darstellung behandelt Koch durchaus als bedeutenden frühen Chininproduzenten. Die Pharmazeutische Zeitung spricht von der ersten Chininfabrik in Oppenheim und ordnet Chinin ausdrücklich in die allerersten Anfänge der deutschen pharmazeutischen Industrie ein. (Pharmazeutische Zeitung) Auch die einschlägige Darstellung bei regionalgeschichte.net bezeichnet Koch als ersten Chininfabrikanten Deutschlands. (Regionalgeschichte)
Die Neuigkeit von Nixdorfs Buch liegt also nicht einfach darin, dass erstmals behauptet wird, Koch sei wichtig gewesen.
Das ist zu wenig.
Die Neuigkeit, die Nixdorf offen legt, besteht vielmehr in der Rekonstruktion dessen, was „wichtig“ in genau diesem Kontext konkret bedeutet – und in der Zumutung, die vorhandenen Quellen gegen die etablierten biographischen Erzählungen zu lesen.
Der schönste Fund ist vielleicht gar nicht Merck
Denn während das Koch-Merck-Verhältnis die größte Wirkung entfalten dürfte, findet sich im Buch noch ein anderer Fund von beträchtlicher Sprengkraft.
Im Konto der Basler Firma Geigy erscheinen auf einer frühen Seite des Fakturabuchs Passagen, aus denen Nixdorf schließt, dass Koch Einträge aus einem älteren Rechnungsbuch übertragen haben muss. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, dass Koch seine skalierte Chininfabrikation bereits 1823 begonnen haben könnte.
Das ist genau die Art von historischem Fund, die man lieben kann.
Nicht weil sie eine spektakuläre Behauptung erlaubt, sondern weil sie eine verlorene Quelle als Schatten in einer erhaltenen Quelle sichtbar macht.
Und da kommt Basel ins Spiel.
Im Umfeld von Novartis existiert vermutlich noch ein Kontobuch der Gründerfamilie Geigy, das bereits 1821 begonnen wurde; Nixdorf beschreibt in seinem Buch die daraus entstehende Hoffnung, dass sich dort ein Gegenstück zu Kochs „Rudolf Geigy“-Konto finden könnte.
Wenn sich diese Spur bestätigt, wäre das mehr als eine hübsche Fußnote.
Man hätte dann womöglich zwei Seiten derselben frühen Handelsbeziehung.
Oppenheim und Basel.
Zwei Rechnungsbücher.
Zwei Unternehmen.
Ein entstehendes industrielles Netzwerk.
So sieht Quellenkritik aus, wenn sie plötzlich spannend wird.
Und dann ist da noch Runge
Auch Nixdorfs Umgang mit Friedlieb Ferdinand Runge ist bemerkenswert.
Die etablierte Geschichte lässt sich bequem erzählen: Pelletier und Caventou isolieren das Chinin; Koch macht daraus einige Jahre später eine industrielle Produktion.
Aber Runge hatte bereits 1819 über die Gewinnung eines kristallinen Stoffes aus Chinarinde geschrieben. Das ist kein Geheimwissen; auch die heutige allgemeine Darstellung erwähnt diese parallele deutsche Entdeckung. (Regionalgeschichte)
Nixdorf stellt deshalb die Frage, ob Koch womöglich nicht so schlicht ein Nachahmer der französischen Chemiker war, wie es spätere Darstellungen immer wieder nahelegen.
Und hier macht das Buch etwas richtig, was polemische Bücher nicht immer richtig machen:
Es lässt die Frage stehen.
Das ist keine Nebensache.
Denn gerade bei einer Revision der Wissenschaftsgeschichte ist die Versuchung groß, aus dem Nachweis einer vergessenen Quelle sofort eine alternative Prioritätsgeschichte zu bauen.
Nixdorf tut das an den entscheidenden Stellen nicht.
Er sagt sinngemäß: Hier ist eine Quelle. Hier ist eine zeitliche Nähe. Hier ist eine plausible Verbindung. Nun muss die Forschung entscheiden, was daraus folgt.
Das ist wissenschaftlich wesentlich stärker als die Behauptung, Koch habe nun endgültig „bewiesen“ vor allen anderen gestanden.
Polemik als Methode – und als Problem
Nun ist dieses Buch kein nüchterner Archivbericht.
Es hat Zähne.
Nixdorf nennt es selbst eine Streitschrift und spricht von „Meuchelmorden“ am Lebenslauf Kochs, von „stillen Taschenspielern“ und von Forschern, die ihre Quellen gar nicht oder nicht gründöich gelesen hätten.
Man kann das als wissenschaftlichen Stilbruch missbilligen.
Man kann es aber auch als Reaktion auf einen bemerkenswerten Umstand lesen: Der Autor ist kein Berufshistoriker, der eine akademische Karriere mit dem Thema aufbauen muss. Er hat acht Jahre lang in Archiven gegraben, ist auf ein Rechnungsbuch gestoßen, hat alte Darstellungen miteinander verglichen und daraus eine Geschichte gebaut, die ihm offenbar immer weniger mit dem überlieferten Bild vereinbar erschien.
Das erklärt den Ton.
Es entschuldigt ihn nicht überall.
Aber es macht verständlich, warum dieses Buch als Essay und Dokumentensammlung besser funktioniert als als konventionelle Monographie.
Seine Stärke ist gerade die Verbindung von Dokument und Widerspruch.
Ein Buch, das sich nicht entscheiden will – und gerade deshalb seine Form findet
Man darf diesem Buch allerdings nicht mit dem Maßstab einer klassischen wissenschaftlichen Monographie zu Leibe rücken. Nixdorf hat sich bewusst für einen Genremix entschieden. Neben der quellenkritischen Untersuchung stehen essayistische Passagen, historische Exkurse, kleine Detektivgeschichten, methodische Selbstbefragungen und immer wieder jene kalkulierten Stilbrüche, die der Autor selbst ankündigt. Das kann unvermittelt von der trockenen Mitteilung eines Archivbefundes zu einer rhetorischen Frage führen und von dort in eine Polemik kippen. Manchmal erinnert das eher an die alte Tradition des gelehrten Pamphlets als an die heutige Wissenschaftsprosa.
Das ist nicht bloß ein Stilmittel. Es entspricht der Methode des Buches. Wo eine Quelle eindeutig ist, wird sie nüchtern präsentiert. Wo eine Schlussfolgerung nur wahrscheinlich ist, beginnt das tastende Rekonstruieren. Und wo eine etablierte Behauptung der Quellenlage widerspricht, wird nicht so getan, als müsse wissenschaftliche Sprache deshalb emotionslos werden. Dann darf der Autor auch einmal spöttisch werden. Seine Polemik richtet sich dabei weniger gegen einzelne Personen als gegen eine bestimmte Art des historischen Erzählens: gegen das Abschreiben bei den Abschreibern, gegen aus Vermutungen gewordene Tatsachen und gegen Unternehmens- und Heldengeschichten, die ihre eigene Quellenbasis nicht mehr befragen. Dass Nixdorf dabei gelegentlich über das Ziel hinausschießt, gehört zur Ambivalenz dieses Buches. Aber vielleicht ist genau diese Reibung sein produktivster Zug. Ein vollkommen glattes Buch hätte die Widersprüche, die es aufdecken will, womöglich selbst nur wieder geglättet.
Der eigentliche Gegenstand heißt nicht Friedrich Koch
Am Ende ist Friedrich Koch fast eine Art Versuchsanordnung.
An ihm lässt sich beobachten, wie eine Industrie entsteht, bevor sie sich selbst als Industrie erkennt.
Ein Apotheker kauft eine Apotheke. Ein Labor wird eingerichtet. Ein Rohstoff wird beschafft. Ein Verfahren wird entwickelt. Ein Produkt wird in größeren Mengen hergestellt. Andere Apotheker werden Kunden. Andere Produzenten werden Lieferanten und Konkurrenten. Rechnungen werden ausgestellt und beglichen. Lohnarbeit entsteht. Handelswege entstehen. Die werden von Spediteuren bewirtschaftet. Selbst das Verpackungsmaterial der Chinarinde wird zum Rohstoff einer mit der Pharmazie kaum verwandten mittelständischen Industrie.
Und irgendwann gibt es ein Unternehmen, das ein „Novitätenkabinett“ mit einer Vielzahl chemischer Produkte vorlegen kann.
Das ist die eigentliche Geschichte.
Nicht die Erfindung eines Medikaments, sondern die Erfindung eines Produktionssystems.
In diesem Sinne ist der etwas sperrige Untertitel des Buches – „die Erfindung der chemisch-pharmazeutischen Industrie aus dem Geist der Apotheke“ – präziser, als er zunächst klingt.
Was von diesem Buch bleiben könnte
Ob Nixdorf mit jeder seiner Korrekturen recht hat, wird die Fachgeschichte entscheiden müssen. Einige seiner Rekonstruktionen sind belastbare Korrekturen, andere plausible Schlussfolgerungen, wieder andere ausdrücklich Spekulationen. Das Buch selbst macht diese Unterschiede sichtbar – und genau deshalb sollte man es ernst nehmen.
Seine stärkste Forderung lautet nämlich nicht:
„Glaubt mir, Koch war der Größte.“
Sondern:
„Schaut in die Quellen.“
Das ist eine bescheidene Forderung.
Und eine erstaunlich radikale.
Denn wenn man sie ernst nimmt, verändert sich nicht nur das Bild Friedrich Kochs. Auch Emanuel Merck erscheint in einem neuen Licht. Die frühen Beziehungen zwischen Oppenheim, Darmstadt, Stuttgart und Basel werden wichtiger. Die Entwicklung der pharmazeutischen Industrie erscheint weniger als Abfolge einzelner großer Männer, sondern stärker als die Geschichte eines Netzes von Wissen, Rohstoffen, Geld, Verfahren und Geschäftsbeziehungen.
Vielleicht ist das die schönste Pointe dieses kleinen, eigensinnigen Buches:
Koch muss nicht zum alleinigen Erfinder der pharmazeutischen Industrie gemacht werden, um die bisherige Geschichte zu verändern.
Es genügt, ihn endlich dort ernst zu nehmen, wo er sich selbst am wenigsten stilisiert hat:
in seinen Rechnungsbüchern.