Jenseits des Rauschens: Recherche als Fundament
Der Begriff des „Storytelling“ ist heute reichlich in Verruf geraten. In den digitalen Kanälen gilt beinahe jede Behauptung als Geschichte, auch wenn sie weder Substanz noch dramaturgisches Rückgrat besitzt. Ähnliches gilt für die „Content Creation“: Oft wird hier Form ohne Inhalt produziert – eine Gestaltung, die – genau betrachtet – gar nichts erschafft, sondern lediglich Oberflächen bespielt.
In meiner Werkstattarbeit herrscht klar ein anderes Verständnis von Inhalt und Erzählung.
1. Recherche statt Behauptung Eine Erzählung ist nur so gut wie die ihr zugrundeliegende Information. Meine Arbeit beginnt immer mit der klassischen, skeptischen Recherche. Ob es sich um die Rekonstruktion technologischer Prozesse, medizinhistorische Zusammenhänge oder gesellschaftliche Abgründe handelt: Die Fakten sind die unhintergehbare Basis. Ohne ohne Verstehen, ohne gründliche Durchdringung der Materie bleibt jede Form nur ein leeres Versprechen.
2. Dramaturgie statt Dekoration Sinnvolle Dramaturgie bedeutet für mich nicht das Schmücken einer Botschaft, sondern das Freilegen der inneren Logik eines Themas. Eine Geschichte zu erzählen heißt, Zusammenhänge so zu ordnen, dass sie beim Betrachter oder Leser echtes Verstehen auslösen – und nicht bloß flüchtiges Staunen.
3. Das Primat des Inhalts Meine 30-jährige Erfahrung im Print-Journalismus hat mich gelehrt: „Du sollst nicht langweilen“ ist kein Aufruf zur Oberflächlichkeit, sondern zur Präzision. Nur wer sein Thema bis in den entlegensten Winkel verstanden hat, kann es so einfach und packend darstellen, dass es Relevanz entfaltet.
Ich produziere keinen „Content“. Ich baue narrative Architekturen auf dem festen Fundament der Recherche.
Fallbeispiel I: Freimaurer in der DDR (ZDF-info)
Rekonstruktion einer unsichtbaren Subkultur
Die Recherche-Herausforderung: Das Indiz im Schweigen
Die Untersuchung stieß auf eine doppelte Barriere: Das institutionelle Desinteresse heutiger Logen und die Blindheit der Staatssicherheit gegenüber freimaurerischen Strukturen.
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Die Leistung: Systematische Korrelation von Aktenfragmenten mit personengeschichtlichen Datenbanken. Identifizierung des faktischen Logen-Führers in der DDR durch Erschließung privater, handschriftlicher Aufzeichnungen.
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Das Ergebnis: Eine Forschungsleistung, die wissenschaftliche Leerstellen füllte und weit über den tagesjournalistischen Standard hinausging.
Die narrative Lösung: Die journalistische Gegenprobe
Um die Komplexität eines Geheimbundes im Totalitarismus greifbar zu machen, wurde auf eine beweisorientierte Dramaturgie gesetzt.
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Der Kern: Die Parallelführung zweier Perspektiven (Söhne von Führung und Basis), die sich erst durch die Recherche begegneten.
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Die Erlösung: Die Transformation von vagen Vermutungen in belegte Fakten, ohne dem Impuls nachzugeben, einen mysteriösen „Mummenschanz“ aufzubauen.
Die handwerkliche Umsetzung: Dokumentarische Strenge
Verzicht auf künstliche Spannung zugunsten einer nüchternen filmischen Sprache.
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Präzision: Grafische Rekonstruktionen dienten ausschließlich der Sichtbarmachung der unsichtbaren Subkultur.
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Haltung: Technik wurde hier als Werkzeug der Erkenntnis genutzt, um die intellektuelle Integrität des Themas gegen die Versuchung der Effekthascherei zu schützen.
Fallbeispiel II: Prostitution in der DDR (ZDF-info)
Soziologische Mechanik statt voyeuristischer Schauwerte
Die Recherche-Herausforderung: Sezierung systemischer Abgründe
Jenseits der gängigen Stasi-Agenten-Klischees galt es, ein Geflecht aus Notprostitution, persönlicher Gier und gesellschaftlicher Hybris freizulegen.
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Die Leistung: Extensive Auswertung von Unterlagen zur „menschlichen Niedertracht“ in einer Mangelgesellschaft.
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Der Fokus: Analyse der moralischen Korrosion unter Einbeziehung von Denunziation und dem Hochmut westlicher Freier.
Die narrative Lösung: Anatomie des Schicksals
Die Strategie verschob den Fokus von der Sensation auf die soziologische Mechanik.
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Der Kern: Prostitution nicht als Randphänomen, sondern als Symptom einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Zersetzung.
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Widerstand: Ein kompromissloser Ansatz, der sich gegen die formatierte „Content-Logik“ der Senderredaktion behauptete (z. B. die Weigerung, systemimmanente Gewalt als „noble Absicht“ zu deklarieren).
Die handwerkliche Umsetzung: Distanz als Schutzraum
Die technische Umsetzung fungierte als notwendiges Gegengewicht zum emotional aufgeladenen Stoff.
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Ästhetik: Verzicht auf stereotype Reenactments (Unschärfe/Schatten). Stattdessen eine klare visuelle Sprache, die Reflexion ermöglicht.
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Ergebnis: Die Wahrung der Würde der Betroffenen, indem sie als Subjekte einer harten Realität statt als Objekte der Lust gezeigt werden.
