
„Die Stärke des Buchs, die in einer reinen Beschreibung von Friedrich Kochs Lebenslauf leicht untergehen würde: Es arbeitet auf mehreren Ebenen zugleich. Es rekonstruiert ein Leben, wertet eine außergewöhnliche Quelle aus, untersucht die wirtschaftlichen Bedingungen einer frühen Industrie, denkt über Technik und Kultur nach und wagt sich schließlich an die Interpretation historischer Bildnisse.”
Das Buch im Überblick
Titel: Friedrich Koch in Oppenheim und die Erfindung der chemisch-pharmazeutischen Industrie aus dem Geist der Apotheke
Ausstattung: 72 Seiten, hochwertiges Papier, fadengeheftet, reich bebildert mit historischen Dokumenten und Porträts.
Ladenpreis: 19,80 € (inkl. MwSt., zzgl. Versand).
1. Inhalt & Kernargumente
Das Buch „Friedrich Koch in Oppenheim und die Erfindung der chemisch-pharmazeutischen Industrie aus dem Geist der Apotheke” bricht mit der gängigen historiografischen Vereinfachung, wonach die pharmazeutische Industrie im 19. Jahrhundert das isolierte Werk einzelner genialer Erfinder oder reiner Unternehmensgründer (wie etwa Emanuel Merck) gewesen sei. Im Zentrum steht der Oppenheimer Apotheker Johann Friedrich Ludwig Koch (1786–1865), der ab den frühen 1820er Jahren (mit nachweisbarem Schwerpunkt im erhaltenen Fakturabuch von 1825 bis 1831) den Schritt vom lokalen Apothekenlaboratorium zur skalierten, überregionalen Chininproduktion vollzog.
Das Fundament (Das Fakturabuch): Das zentrale Dokument verzeichnet für die Jahre 1825 bis 1831 rund 60 Geschäftspartner, darunter Chemiker, Rohstoffhändler und andere Apotheker – und belegt unter anderem direkte Geschäftsbeziehungen sowie Lohnarbeiten für Emanuel Merck in Darmstadt und Rudolf Geigy in Basel.
Das Netzwerk-Modell: Die damals gerade erst entstehende Industrie wird als eine Art frühes, arbeitsteiliges Netzwerk (eine historische „Open Source Community des frühen 19. Jahrhunderts“) beschrieben, in dem Wissen, Zwischenprodukte und Rohstoffe zirkulierten.
Der historiografische Reibungspunkt: Obwohl das Fakturabuch bereits in den 1940er Jahren von Fritz Koch wiederaufgefunden und 1949 in Wilhelm Vershofens Standardwerk „Anfänge der chemisch-pharmazeutischen Industrie” ausgiebig diskutiert und gewürdigt wurde, blieb seine tiefere Bedeutung für die Entstehung der industriellen Produktionsstrukturen in den gängigen Unternehmensgeschichten weitgehend unberücksichtigt. Nixdorfs Buch stellt hierzu eine quellenbasierte Korrektur dar.
Historische Einbettung: Neben der Chininproduktion für die seinerzeit malariageplagten Rheinniederungen werden auch strukturelle Nebenstränge beleuchtet – etwa die frühe Kreislaufwirtschaft der Chinarinden-Verpackung (Rinderhäute, die an die Firma Lathomus nach Worms weiterverkauft wurden) sowie die Entlarvung überlieferter Legenden (wie die des angeblichen heroischen Kleinkriegs gegen das Mainzer Medizinalkollegium, hinter dem sich eher ein strategisches Kompetenzgerangel zwischen den administrativen Zentren Mainz und Darmstadt verbarg).
2. Identifikation der Genres
Das Buch „Friedrich Koch in Oppenheim und die Erfindung der chemisch-pharmazeutischen Industrie aus dem Geist der Apotheke” lässt sich in keine Schublade stecken, sondern bedient einen bewusst gewählten Genremix, wie er auch in der Vorrede des Autors angekündigt ist:
Quellenbasierter Essay & historische Spurensuche: Statt trockener akademischer Monographie dominieren Argumentation, akribische Detektivarbeit an Dokumenten und die Trennung von harten Quellen, Schlussfolgerungen und Hypothesen.
Gelehrtes Pamphlet / Streitschrift: Das Buch hat „Zähne“ und zeigt sie auch. Es rechnet polemisch mit der herkömmlichen, unkritischen Abschreibekultur der Pharmaziegeschichtsschreibung ab.
Kulturgeschichtliche und phänomenologische Exkurse: Das Buch öffnet den Blick weit über die reine Ökonomie hinaus. Dies zeigt sich besonders in der Betrachtung der Kulturgeschichte der Dampfmaschine und ihrer tiefgreifenden Wirkungen auf die Gesellschaft. Hier schlägt der Text die Brücke von der haptischen, beinahe alchemistischen Intimität des Apothekerhandwerks (Feinwaage, Mörser, Spatel) hin zur industriellen Gewalt von Mahl- und Rührwerken, angetrieben von Dampfkraft – ein monumentaler Sprung, der das Staunen über die Überwindung manueller Grenzen ins Zentrum stellt.
Bildbetrachtungen & Psychogramme: Ergänzend nutzt der Autor visuelle Quellen und feinfühlige Charakterstudien, um den historischen Akteuren nicht als leblos-statistischen Zahlen, sondern als psychologisch fassbaren Persönlichkeiten zu begegnen.
Biografische Genese: Auch der zeitliche Ablauf der Geschichte Kochs seit seiner Ankunft in Oppenheim wird akribisch beleuchtet, um die Wurzeln und Prägungen freizulegen, bevor der eigentliche Schritt in die skalierte Produktion erfolgte.
Dokumentensammlung: Durch die Abbildung originaler Dokumente, Zeugnisse, Rechnungsbucheinträge und Protokolle macht das Werk die zentralen Primärquellen greifbar und bietet Lesern einen fundierten Einblick aus erster Hand.
3. Layout, Form & Ästhetik
Physische Wertigkeit: Mit 72 Seiten auf hochwertigem Papier, fadengehefteter Bindung und einer reichen Bebilderung (historische Illustrationen, Porträts und Dokumente) ist das Buch als haptisches Objekt gestaltet, das sich deutlich von herkömmlichen Taschenbüchern oder Broschüren abhebt.
Dramaturgie: Der Aufbau folgt keiner chronologisch braven Lebensbeschreibung, sondern einer problemorientierten Spurensuche. Die Sätze sind pointiert, quellenbewusst und verbinden intellektuelle Schärfe mit erzählerischem Schwung.
4. Bewertung der Botschaft
Die zentrale Botschaft: Die Geschichte der Pharmaindustrie bildet sich nicht als Solokarriere einzelner einsamer Genies ab, sondern als ein vernetztes, ökonomisches und arbeitsteiliges Geflecht. Oppenheim und die linke Rheinseite bilden darin einen historischen Netzwerkknoten unter den ersten Anfängen. Und der muss neu gewichtet werden. Angetrieben wird die Argumentation des Buches auch von dem Staunen über die unfassbare Denkleistung, die Grenzen des Apothekerlaboratoriums mit feinen Fläschchen und Gläschen, Mörser, Feinwaage und Spatel niederzureißen und Arzneiherstellung mittels Mahl- und Rührwerken schließlich angetrieben von einer Dampfmaschine überhaupt für möglich zu halten geschweige denn ins Werk zu setzen.
Stärken: Die Stärke liegt in der kompromisslosen Rückbesinnung auf die Primärquelle (ein Rechnungsbuch schönt einfach weniger als das Festschriften hin und wieder tun) und in der wissenschaftlich redlichen Haltung, dort wo Belege fehlen, explizit von Hypothesen zu sprechen, anstatt sie zu Dogmen zu erheben.
Der produktive Störenfried: Das Buch entfaltet seine Wirkung vor allem dadurch, dass es als intellektueller Sand im Getriebe der etablierten Wirtschafts- und Pharmaziegeschichtsschreibung fungiert. Es bricht mit den bequemen, linear fortgeschriebenen Heldengeschichten einzelner Pioniere.
Das Aufbrechen von Denkmustern: Durch die Kombination aus harter Quellenarbeit (dem Fakturabuch) und weiten kulturhistorischen Bögen (wie der Mechanisierung durch die Dampfmaschine) zwingt das Werk den Leser – sei es im akademischen Bereich, in der Fachpublizistik oder in der regionalen Kulturarbeit –, vertraute Narrative neu und unvoreingenommen zu befragen, zu dekonstruieren und schließlich wieder zu einem genaueren Bild zusammenzusetzen.
Impulsgeber für das Jubiläum 2027: Über die rein historische Debatte hinaus wirkt das Buch als strategischer Impulsgeber (etwa im Kontext des hessisch-rheinischen Raums und künftiger Jubiläen wie dem von Mercks „Pharmazeutisch-chemischen Novitäten-Cabinet”). Es weist nach, dass die Wiege der modernen Industrie ein gemeinsamer, netzwerkartiger Kultur- und Wirtschaftsraum war, und fordert dazu auf, die linke Rheinseite als substanziellen Teil dieser Genese neu zu verorten.
Wirkung: Das Buch funktioniert als produktiver Störenfried in der etablierten Wirtschafts- und Pharmaziegeschichte. Es zwingt den Leser (und Fachhistoriker) dazu, bekannte Denkmuster über die Entstehung moderner Industriestrukturen zu hinterfragen und den Blick von den großen Mythen auf die reale ökonomische Praxis zu richten.

Die Industrie, die aus der Apotheke kam
I. Ein Rechnungsbuch verändert den Blick auf die Geschichte
Ein Rechnungsbuch ist selbstredend kein Heldenepos. In aller nüchternen Sachlichkeit verzeichnet es Warenein- und ausgänge, Mengen, Lieferanten, Spediteure, Kunden. Es geht um’s Geld. Und gerade deshalb kann es eine Geschichte erzählen, die sich von den späteren Unternehmerbiografien unterscheidet.
Friedrich Kochs Fakturabuch der Jahre 1825 bis 1831 dokumentiert ein Geschäft mit rund sechzig Partnern. Es zeigt Chininhandel, Rohstoffbeschaffung, gegenseitige Geschäfte und Verbindungen zu anderen Apothekern, Chemikern, Händlern. So entsteht aus der Geschichte eines einzelnen Apothekers das Bild eines sich herausbildenden wirtschaftlichen Netzwerks. Soll und Haben setzen mit jeder einzelnen Forderung, jeder einzelnen Zahlung, Mosaikstein für Mosaikstein ein Gefüge zusammen, dass aus individuellen Beiträgen einzelner etwas so komplexes wie eine frühe Industrie erkennen lässt. Dieses Buch war nach Kochs Tod 1865 einige Jahrzehnte verschollen. Erst Kochs Enkel Fritz fand es Anfang der 1940er Jahre unter anderen vernachlässigten Gegenständen wieder, barg es, reinigte es und stellte es dem Wirtschaftswissenschaftler Wilhelm Vershofen 1943 zur gründlichen Erkundung zur Verfügung. Vershofen erkannte die Bedeutung von Kochs buchhalterischen Aufzeichnungen, stellte Zusammenhänge mit zeitgleichen Entwicklungen her und zog daraus viele die frühe chemisch-pharmazeutische Industrie betreffende Schlüsse. So konnte er zahlreiche wichtige Erkenntnisse gewinnen. Doch so manche folgerichtige Fragen stellte er auch schlicht nicht. Die neuerliche Betrachtung und Befragung von Kochs Fakturabuch 75 Jahre nach Vershofen fördern einige höchst interessante und erhellende Antworten zutage.
II. Der Schatten eines noch älteren Dokuments: Warum Kochs Chininfabrikation deutlich vor 1825 begonnen haben muss
Wer heute das erhaltene Fakturabuch Friedrich Kochs, begonnen 1825, aufschlägt, wird dort kaum die Spuren eines bescheidenen Oppenheimer Apothekenbetriebs wiederfinden. Das Buch dokumentiert nämlich keine geschäftlichen Anfänge, sondern die eingespielte Logistik einer frühen Industrie. Wenn man beim Erforschen des Rechnungsbuchs die (falsche) Antizipation, man habe es hier weil mit dem ältesten auch mit dem ersten Dokument zu tun, ablegt und sämtliche Hinweise dieses Buchs ohne das antizipierte Vor-Urteil betrachtet, wird man auf Fragen und Antworten stoßen, die Kochs Rolle bei den Anfängen der chemisch-pharmazeutischen Industrie klarer herausarbeiten.
Die Spedition an erster Stelle
Der allererste Eintrag im Fakturabuch führt nicht zu einem Oppenheimer Patienten oder einem benachbarten Arzt und auch nicht zu den großen Namen der Branche wie Merck, Geigy, Jobst, Duvernoy et al. Das erste Konto in seinem frischen Fakturabuch eröffnet Friedrich Koch für die namhafte Mainzer Spedition „Carl Schmitz & Kaester“.
Das ist ein sehr starkes Indiz. Die Spedition Schmitz & Kaester war das Drehkreuz, über das sowohl der Import massiver Rohstoffmengen wie auch der Abtransport der Fertigpräparate organisiert wurde. Dass dieses Konto an erster Stelle steht, verweist auf eine zu Beginn des Jahres 1825 längst bestehende Geschäftsbeziehung und eine eingespielte Logistikkette.
Ein etabliertes Vertriebsnetz
Die im Konto der Spedition Schmitz & Kaester festgehaltenen Posten belegen ein deutlich überregionales Liefernetz: Geliefert wird im ersten Halbjahr 1825 unter anderem nach Frankfurt, Koblenz, Worms und Eltville. Ein solches weit über den lizenzierten Wirkungskreis einer lokalen Apotheke reichendes Handelsnetz über Stadt- und Territorialgrenzen hinweg entsteht nicht spontan mit dem Anlegen eines neuen Buches. Es erfordert Marktpräsenz, Akquise und verlässliche Produktionsmengen.
Ein weiterer Eintrag (der älteste in diesem Fakturabuch) macht die Bedeutung dieses Vertriebsnetzes besonders anschaulich. Am 1. Juni 1825 verzeichnet das Fakturabuch auf Seite 19 ein Konto für Friedrich Jobst in Stuttgart. Im Soll stehen Chinin und Cinchonin, im Haben „China” – ein seinerzeit anderes Wort für Chinarindenbaumrinde. Diese Buchungen deuten auf einen Warenaustausch hin: Koch lieferte die gewonnenen Alkaloide, während er von Jobst Rohmaterial bezog.
Jobst war als Drogenhändler nicht bloß ein Endabnehmer. Er belieferte seinerseits Apotheken und andere Abnehmer und stellte damit eine Verbindung zu einem bereits bestehenden überregionalen Absatzmarkt her. Kochs Geschäft mit ihm war also Teil einer Handelskette, die über den unmittelbaren Verkauf seiner Erzeugnisse hinausreichte.
Dass ein solcher Geschäftsvorgang bereits fünf Monate nach Beginn des erhaltenen Fakturbuchs dokumentiert ist, wirft eine naheliegende Frage auf: Wie lange mussten die Produktion und die Geschäftsbeziehung bereits bestanden haben, damit Koch in diesem Marktsegment tätig sein konnte? Der Eintrag beweist für sich genommen keinen früheren Beginn. Er zeigt aber, dass das Fakturbuch bereits einen Geschäftszusammenhang dokumentiert, dessen Aufbau nicht ohne Weiteres mit seinem ersten Eintrag gleichgesetzt werden kann.
„Der Anfang der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Deutschland, in der Welt(!), ist ein Gemeinschaftsprojekt.”
Wenn Koch zu Beginn des Jahres 1825 Kunden in Frankfurt und Koblenz belieferte und im Juni mit einem etablierten Drogenhändler wie Jobst im Warenaustausch stand, spricht dies dafür, dass der Übergang vom Laboratorium zur überregionalen Herstellung und Vermarktung von Chinin und Cinchonin bereits zuvor stattgefunden hatte.
Das Fakturabuch von 1825 als Übertrag eines vorangegangenen Dokuments
Die spezifische Reihenfolge der im Folgenden eingetragenen Konten deutet darauf hin, dass Koch im Januar 1825 lediglich die Struktur eines älteren, heute nicht mehr erhaltenen Geschäftsbuchs fortführte. Das Fakturabuch von 1825 dokumentiert somit nicht den Startschuss zu Kochs Fabrikation – es ist bis auf weiteres das früheste erhaltene von Koch selbst ausgestellte Zeugnis eines bereits Jahre zuvor etablierten chemisch-pharmazeutischen Unternehmens. Eine reichlich zuverlässige interne Quelle.
Vollends frei vom Verdacht bloße Hypothese zu sein wird diese Erkenntnis durch eine zweite – externe – zeitgenössische Quelle. Nixdorfs Buch zieht nämlich im Kapitel „Von Preis und Preisen” eine Art hessisches „Branchenbuch” des frühen 19. Jahrhunderts heran: „Vaterländische Berichte für das Großherzogthum Hessen und der übrigen Staaten des deutschen Handelsvereins” aus dem Jahr 1835. Darin findet sich im Kapitel „Nachricht von mehreren chemischen Fabriken im Großherzogthum Hessen“ eine wirklich Aufsehen erregende Nebenbemerkung: „Zu den ausgezeichnetsten chemischen Fabriken Deutschlands dürfen wir dreist auch die des Herrn Koch zu Oppenheim in Chinin und Cinchonin zählen, welche derselbe schon über 12 Jahre lang, unter Erwerbung eines wohl verdienten Rufes durch fast ganz Europa, führt.” Hier schließt sich der Kreis von einer bloßen Vermutung über die Logik von Kochs Reihung der Konten in seinem Fakturabuch hin zu einer belastbaren Hypothese aufgrund von nun zwei unterschiedlichen zeitgenössischen Quellen. Das Jahr 1823 wird für den Beginn einer skalierten Chinin- und Cinchoninfabrikation Friedrich Kochs über den Bedarf einer lokalen Apotheke hinaus ausdrücklich markiert und dadurch wahrscheinlicher. Das ist erkennbar mehr, als so manche kühne Behauptung über die Anfänge der chemisch-pharmazeutischen Industrie hervor zu bringen vermag.
„Es ist das Staunen über die unfassbare Denkleistung, die Grenzen des Apothekerlaboratoriums mit Mörser, Feinwaage und Spatel niederzureißen – und Arzneiherstellung mittels Mahl- und Rührwerken, angetrieben von einer Dampfmaschine, überhaupt für möglich zu halten, geschweige denn ins Werk zu setzen.“
V. Die technologische Umwälzung
Auch wenn uns das heute kaum noch von Belang zu sein scheint: einen Herstellungsprozess „Industrie” nennen zu können, erfordert das Vorhandensein sehr verschiedener Merkmale wie etwa arbeitsteilige Produktion, also die gleichzeitige Beschäftigung hoch- wie auch minderqualifizierter Mitarbeiter, die Abwendung von der Auftragsproduktion hin zur Produktion für den „unbekannten letzten Abnehmer” oder auch den Einsatz von Kraftmaschinen. Auch wenn einem dazu Dampfmaschinen als erstes einfallen mögen, brauchten diese kohleverschlingenden Kolosse eine Entwicklungszeit von gut 200 Jahren, bis sie auch außerhalb von Bergwerken wirkungsvoll eingesetzt werden konnten. Ein technologischer Durchbruch zeichnet sich erst ab etwa 1830 ab, was nicht gleichbedeutend damit ist, dass sofort in diesem Jahr überall Dampfmaschinen auch eingesetzt wurden. Realistisch ist wohl ein sinnvoller Einsatz mit brauchbarem Wirkungsgrad auf dem europäischen Kontinent ab den 1840er Jahren (was sich mit dem bisher ältesten Beleg für eine Dampfmaschine in Oppenheim im Jahr 1847 deckt).
Eine skalierte Chininproduktion in nennenswerter Größe ist im Apothekerlaboratorium mit Mörser und Stößel physikalisch unmöglich. Geschweige denn die Verarbeitung von – im Falle Kochs – geschätzten 20 bis 50 Tonnen Chinarinde innerhalb von drei Jahren.
Eine skalierte Chininproduktion in nennenswerter Größe – so viel mag als sicher gelten – ist im Apothekerlaboratorium mit Mörser und Stößel kaum zu bewältigen. Geschweige denn die Verarbeitung von – im Falle Kochs – geschätzten 20 bis 50 Tonnen Chinarindenbaumrinde in drei Jahren. Hier könnte die Lage Oppenheims am Rhein einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil geboten haben: entlang des Flusses ankerten zahllose Schiffsmühlen, die angetrieben von Wasserkraft Mahl- (und auch Rühr-)werke bewegen konnten. Da Koch – sollte er auf eine der nahe gelegenen Schiffsmühlen zurückgegriffen haben – diesen Posten wohl eher aus der Portokasse beglichen hat, gibt es im Fakturabuch keine Gewissheit durch Dokumentation. Also müssen wir uns mit der Wahrscheinlichkeit anfreunden oder auch nicht. Immerhin stellt sich dann aber mindestens die Frage, ob die Seine in Paris, der Darmbach in Darmstadt oder auch der Neckar in Stuttgart genug Kraft mit sich brachten, das Mahl- und Rührproblem von Kochs Mitbewerbern auskömmlich zu lösen.
Mit der Verfügbarkeit von Dampfmaschinen mit nennenswertem Wirkungsgrad um etwa 1840 wurden die Karten schließlich neu gemischt. Für die Familie Koch in Oppenheim verbindet sich damit eine hübsche Anekdote. Schließlich gab es im Rodensteiner Hof nach Inbetriebnahme der Dampfmaschine die erste Badewanne mit fließend warmem Wasser in der Stadt.
„Die frühe chemisch-pharmazeutische Industrie entstand nicht in der Einsamkeit des genialen Erfinders, sondern im dichten, arbeitsteiligen Austausch eines Netzwerks, das Rohstoffe, Zwischenprodukte und Wissen zirkulieren ließ.“
III. Bekannt seit 1943. Publiziert seit 1949. Und trotzdem übersehen. Was ist da passiert?
Kochs Enkel, der Rechtsanwalt Fritz Koch, fand das Fakturabuch 1943 wieder. Wilhelm Vershofen wertete es aus und publizierte seine wirtschaftshistorische Studie 1949. Nixdorfs Buch hebt ausdrücklich hervor, dass die interessante Frage daher nicht lautet, ob das Dokument überhaupt bekannt war, sondern warum seine möglichen Konsequenzen für die großen Erzählungen der Pharmaziegeschichte offenbar nicht ausreichend gezogen wurden. Das Fakturabuch war nicht unbekannt. Es wurde gefunden, ausgewertet und veröffentlicht. Doch welche Konsequenzen ergeben sich aus seinen Einträgen für die Geschichte der frühen pharmazeutischen Industrie? Einer der Schlüsse muss sicher sein, dass Koch Pech mit seinen Biografen hatte. Er selbst hatte zumindest nicht erkennbar an seinem Nachruhm gefeilt. Keine Korrespondenzen, keine Tagebucheinträge, kein Kontakt zu Verfassern von Lobgesängen. Kochs Sohn Carl konnte – obwohl er es angestrengt versuchte – die Chininfabrikation nicht über die weltweite Preiskrise Ende der 1880er Jahre retten. Er drehte die pharmazeutische Fabrik zu einem heute noch bestehenden Weingut um, engagierte sich als Rechtsanwalt und Lokalpolitiker, wurde Oppenheims Bürgermeister und schließlich wegen seiner Verdienste Ehrenbürger der Stadt. Die Carl Koch gewidmete Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen und auch der Nachgeborenen verlor das Andenken seines Vaters aus dem Fokus, so dass der allmählich in Vergessenheit geriet. Erst durch das Wiederauffinden des Fakturabuchs und die Aushändigung an Wilhelm Vershofen fiel auch wieder etwas Aufmerksamkeit auf den stillen und fleißigen Apotheker aus Oppenheim und seine große Leistung für die wirkungsvolle Bekämpfung der Malaria.
Unterdessen versuchten sich einige Heimatforscher daran Kochs Geschichte zu erzählen. Das gelang nur mäßig und ging vor allem mit viel Spekulation mangels Wissen und unhaltbaren Hypothesen einher. Nicht ohne Grund mied die offizielle Pharmaziegeschichtsschreibung diese Ansammlung von spekulativen Räuberpistolen und unbelegten/unbelegbaren(!) Behauptungen, unterließ aber unglücklicherweise auch die eigene Recherche zum Zweck der Richtigstellung dieses entscheidenden Kapitels der Pharmazie- mithin der Zivilisationsgeschichte. Eigene Schwerpunktsetzungen einzelner mögen zu dieser unscharfen Betrachtung Friedrich Kochs beigetragen haben.
Lässt sich Kochs Wirken gut 200 Jahre nach der Eröffnung seiner Apotheke in Oppenheim, etwa 160 Jahre nach seinem Tod, etwa 100 Jahre nach der ersten biographischen Skizze über ihn in der „Hessischen Biografie” usf. überhaupt noch belastbar erkennen? Dieser Frage geht Nixdorf Recherche nach. Sie prüft überlieferte Darstellungen an den erhaltenen Dokumenten – und unterscheidet dabei zwischen belegten Tatsachen, begründeten Schlussfolgerungen und offenen Hypothesen.
„Was muss das für ein Bruch mit allem gewesen sein, das den Apothekerberuf bisher bestimmte!”
IV. Netzwerk statt Heldenerzählung: Die Open Source Community des frühen 19. Jahrhunderts
Die chemisch-pharmazeutische Industrie ist nicht aus einem Punkt an einem Ort zu einem Zeitpunkt entstanden. Vielmehr hat diese menschheitsverändernde Entwicklung viele Anfänge. Die gründen alle in der so genannten Alkaloid-Revolution, die fast völlig unbemerkt 1806 in Paderborn von dem Apothekergehilfen Friedrich Wilhelm Sertürner in Gang gesetzt wurde. Erst nach einer zweiten Publikation seines Verfahrens erreichte Sertürner die Aufmerksamkeit, die diese Revolution vorantrieb. Runge, Merck, Pelletier und Caventou, Friedrich Koch und viele andere schlossen sich dieser Entwicklung an. Die Neue Deutsche Biographie beschreibt Heinrich Emanuel Mercks Lebenswerk entsprechend als eine chemisch-pharmazeutische Fabrik, die sich schrittweise aus seinem Apothekenlaboratorium entwickelte; Merck habe in den 1820er Jahren begonnen, Pflanzenalkaloide über den Eigenbedarf der Apotheke hinaus darzustellen. Das ist als Ausgangspunkt keineswegs falsch. Aber es ist womöglich nicht die ganze Geschichte. Denn wenn Merck in diesen Jahren gleichzeitig mit Koch Geschäfte macht, Chinin von Koch bezieht und möglicherweise Arbeiten für sich ausführen lässt, dann erscheint die frühe Industrie nicht als Ansammlung voneinander unabhängiger Genies, die jeweils in ihren eigenen Kellern ihre eigene Industrie erfinden. Sie erscheint als Netzwerk. Nixdorf benutzt dafür das schöne, etwas anachronistische Bild einer „Open Source Community des 19. Jahrhunderts“. Das ist zunächst eine Metapher. Historisch fruchtbar wird sie dort, wo das Fakturabuch sie konkretisiert: Wissen, Rohstoffe, Zwischenprodukte und Absatzmöglichkeiten zirkulieren zwischen den Akteuren. Das verändert auch den Blick auf Merck. Denn möglicherweise liegt die eigentliche unternehmerische Leistung Emanuel Mercks gar nicht darin, sämtliche Alkaloide, die später im „pharmazeutisch-chemischen Novitätenkabinett“ erscheinen, eigenhändig aus dem eigenen Labor hervorgebracht zu haben. Sie könnte vielmehr in der Fähigkeit gelegen haben, Produkte, Verfahren, Menschen und Märkte zu einem Unternehmen zusammenzufügen. Nixdorf selbst kommt dieser versöhnlicheren Interpretation erstaunlich nahe. Er nennt Merck ein „Scharnier“ – in der Familiengeschichte ebenso wie in der Geschichte der pharmazeutischen Industrie.
Die Entstehung der modernen Pharmaindustrie hat verschiedene Protagonisten und sehr heterogene Anfänge: Friedrich Wilhelm Sertürner, der als einfacher Apothekergehilfe in Paderborn zunächst völlig ungehört blieb, nachdem er um 1806 aus dem Mohnsaft das Morphium isoliert hatte; Friedlieb Ferdinand Runge, der 1819 in der Zeitschrift „Isis“ eine noch wenig praxistaugliche Chininextraktion skizzierte; Pierre-Joseph Pelletier und Joseph Bienaimé Caventou, die 1820 ein Verfahren zur Chiningewinnung publizierten und bis heute – ohne eine einzige belegbare Quelle – als die „ersten Chininfabrikanten“ geführt werden; Friedrich Koch, der spätestens 1825 anhand seines Fakturabuchs belegbar Chinin skaliert fabrizierte (damit jedoch sehr wahrscheinlich schon 1822/23 begonnen hatte), darüber aber vollends vergessen wurde; und schließlich Heinrich Emanuel Merck, dessen besonderes Verdienst seine Scharnierfunktion als integrierender Akteur war. Mit seinem „Pharmazeutisch-chemischen Novitäten-Cabinet“ bot Merck 1827 sage und schreibe 16 Alkaloide an – wobei quellenkritisch offenbleibt, welche davon tatsächlich aus eigener Produktion stammten und welche von Partnern zugeliefert wurden.
Grafik / Szenenbild: © Axel Nixdorf


